Der Tagesspiegel : „Nicht trotz, sondern wegen der Kinder“

Martina Münch ist siebenfache Mutter und interessiert sich deshalb für Politik. Nun will sie für die SPD Cottbuser Oberbürgermeisterin werden. Neben dem Amt bleibe genug Zeit für die Familie, glaubt sie.

Sandra Dassler

Cottbus - Es ist ihr erster Arbeitstag nach dem Urlaub. Auf dem Schreibtisch im SPD-Büro am Cottbuser Altmarkt liegt noch Unerledigtes. Gleich kommt Verkehrsminister Frank Szymanski, der zugleich Cottbuser SPD-Chef ist. Aber auch für ihn wird Martina Münch nicht viel Zeit haben. Um eins muss sie ihren jüngsten Sohn Felix aus der Kita abholen, der Zweijährige braucht viel Zuwendung. Benjamin (4), Valentin (8), Nele (9), Gesine (11), Moritz (13) und Benno (15) werden sich leichter als ihr kleiner Bruder damit abfinden, dass ihre Mutter jetzt nicht mehr den ganzen Tag für sie Zeit hat – so wie noch in den vergangenen Wochen während der gemeinsamen Ferien in Österreich.

Die Bergluft hat Martina Münch gut getan, die frische Gesichtsfarbe unter den blond gelockten Haaren kündet von langen Wanderungen und sauberer Luft. Der Urlaub war überfällig – viel ist in den Wochen zuvor auf die gesundheitspolitische Sprecherin der SPD-Fraktion im Brandenburger Landtag eingestürmt. Der Anruf von Matthias Platzeck zum Beispiel. Der Ministerpräsident fragte sie, ob sie für eine Kandidatur als Vizechefin der Brandenburger SPD zur Verfügung stünde. Inzwischen wurde sie in das Amt gewählt.

Noch weitreichender war ihre Entscheidung, als Kandidatin für die Nachfolge der von den Cottbusern abgewählten Oberbürgermeisterin Karin Rätzel (parteilos) anzutreten – falls ihre Partei sie aufstellt. Die Medien haben berichtet, nicht weil die Ämterhäufung so ungewöhnlich wäre, sondern weil Martina Münch auch siebenfache Mutter ist. Manchmal ärgert sie sich über die plötzliche Aufmerksamkeit: „Als ich 1999 das Aktionsbündnis ,Cottbuser Aufbruch – für ein gewaltfreies tolerantes Miteinander‘ mitgegründet habe, hat das außerhalb von Cottbus kaum jemand zur Kenntnis genommen“, sagt sie. „Dabei war der Kampf gegen den Rechtsextremismus so wichtig.“

Den Vergleich mit der Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen (CDU), die auch sieben Kinder hat, kann sie inzwischen fast nicht mehr hören. Sie sei schließlich nicht trotz, sondern wegen ihrer Kinder Politikerin geworden, sagt sie. Zwar gab es schon früher eine gewisse Affinität, denn ihr Vater war viele Jahre lang Landtagsabgeordneter in Baden-Württemberg. Aber Münch, die 1961 in Heidelberg geboren und in Mannheim aufgewachsen ist, wollte Ärztin werden und Menschen helfen – auch weil ihre Mutter an einer simplen Blinddarmentzündung starb, als sie sieben Jahre alt war.

Nach dem Medizin-Studium in Hamburg, London und den USA arbeitete sie im Berliner Rudolf-Virchow-Klinikum. Auch nach der Geburt der beiden ältesten Söhne war sie berufstätig. Erst als ihr Mann eine Chefarztstelle in Cottbus antrat und sie hochschwanger in die Niederlausitz umzog, blieb sie zu Hause. Sie meldete sich am Konservatorium an, kümmerte sich um Haus und Garten und bekam weiter Kinder.

„Durch die Kinder schloss ich schnell Kontakt zu den Menschen hier“, erzählt sie: „Und begann, mich für die Kommunalpolitik zu interessieren.“ Im SPD-Ortsverein des Cottbuser Stadtteils Sandow freuten sich die zumeist älteren Genossen sehr über die junge Frau, die 1998 in die Stadtverordnetenversammlung gewählt wurde und sich dort vor allem für Soziales, Bildung und Kultur stark machte. Ein Ehrenamt, dass bald in einen Fulltime-Job ausuferte. Mit einer Haushaltshilfe, der Unterstützung ihres Ehemanns und Organisationstalent schaffte es Martina Münch, ab 2004 als Landtagsabgeordnete zu arbeiten. Die Gegebenheiten in Cottbus seien ihr entgegengekommen, sagt sie. Ganztagskitas gab es und warme Mahlzeiten an den Schulen. Geholfen habe ihr auch die Selbstverständlichkeit, mit der man berufstätigen Frauen mit Kindern im Osten begegnet: „Im Westen wäre ich für viele eine Rabenmutter“.

Aber ihre Kinder sind für Martina Münch das größte Wunder. Jede freie Minute verbringt sie mit ihnen und bisher – da ist sie sicher – haben die zwei Mädchen und fünf Jungen nicht auf Geborgenheit und Zuwendung verzichten müssen. Dass das so bleibt, wenn ihre Partei sie tatsächlich als Oberbürgermeisterin-Kandidatin aufstellt und sie die Wahl gewinnt, kann sie nur hoffen. „Ich denke, man kann auch dieses wichtige Amt so wahrnehmen, dass noch Zeit für die Familie bleibt.“ Ihre Wahlheimat hätte eine bessere Kommunalpolitik verdient, meint sie.

Nicht alle trauen der zierlichen Frau die Härte und Konsequenz zu, eine Stadt wie Cottbus zu führen. Ein wohlmeinender Parteifreund hat sie gewarnt: „Die werden dich kaputt spielen.“ Aber Martina Münch hat schon einige schwierige Situationen gemeistert. Voraussetzung für eine erfolgreiche Kommunalpolitik sei allerdings Transparenz. „Es gibt so viel gegenseitiges Misstrauen, so viele Machtkämpfe hinter den Kulissen – das möchte ich ändern.“

Auf ihre Homepage hat sie den Spruch einer Frau gestellt, die ein großes Vorbild für sie ist – Regine Hildebrandt: „Kinder, vergesst nicht, der eigentliche Sinn des Lebens liegt im Miteinander.“

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