Der Tagesspiegel : Nichts wie weg hier

Wegen der Flut sollte Mühlberg bis 14 Uhr evakuiert sein. Einige Anwohner hatten sich da längst davongemacht

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Von Claus-Dieter Steyer

Mühlberg. Bis 14 Uhr hatten sie Zeit, ihre Häuser zu räumen, danach kamen Polizisten, Soldaten oder Feuerwehrleute und drängelten ein bisschen. Gezwungen wurde niemand. Am Abend waren noch rund 300 Mühlberger in ihrem Örtchen, das heute Morgen zwischen acht und neun Uhr, von der Elbe überschwemmt werden soll.

Da die Ausfallstraßen aus Mühlberg durch Senken führen, werde die Stadt bei einer Überflutung völlig von der Umwelt abgeschnitten, hatten die Stadtverwalter befürchtet – und verkündet. Eine Vorstellung, vor der viele Mühlberger schon in der Nacht flohen.

Um halb zwei Uhr in der Nacht klopfte Gastwirtin Ursula Güntzler ihre Gäste aus dem Bett und gab die Parole „Nichts wie weg hier“ aus. Aufgeregt lief sie die Treppe immer wieder nach oben, um mit ihrem Mann Koffer zum Auto im Hof zu schleppen. „Wenn wir schon Hab und Gut verlieren, dann wollen wir wenigstens unser Leben retten“, sage die Frau. Ein Lautsprecherwagen hatte die Einwohner in höchste Aufregung versetzt. Wer kann, so hieß es, solle die Stadt verlassen. Mit umliegenden Ortsteilen zusammen waren rund 5000 Menschen zur Räumung aufgerufen.

Auf den kleinen Straßen im Ortszentrum herrschte trotz nächtlicher Zeit reger Betrieb. Wenn der Damm bricht oder das Wasser über die Deichkrone schwappt, steht hier alles kniehoch unter Wasser. Fahrzeuge der Bundeswehr rasten vorbei. Sie brachten Sandsäcke ins Zentrum der Stadt. Die Klosterkirche, das Rathaus und die Frauenkirche aus dem Mittelalter sollen so gut es geht vor eindringendem Wasser geschützt werden.

In der Bäckerei Schaller brannte kurz vor drei Uhr schon Licht. „Ich arbeite förmlich bis zum Umfallen“, stöhnte Konditormeister Peter Schaller. 120 Brote und 1500 Brötchen buk er bis zum Morgen. An normalen Tagen verkaufe er nur die Hälfte. „Die Menschen decken sich mit Nahrungsmitteln ein, denn niemand kann doch ein Ende dieser Hochwasserzeit absehen.“ Peter Schaller ist seit Dienstag nicht mehr groß zum Schlafen gekommen. Am Mittag zieht er die Bäckerkleidung aus und die Feuerwehruniform über. Er leitet die örtliche Truppe der Freiwilligen und schleppt Sandsäcke an den Deich.

Am Rande des überschwemmten Hafens standen Frauen und Männer zusammen. „Mensch, jetzt sind wir endlich berühmt“, sagte eine junge Frau. „Mühlberg läuft im Schriftband von n-tv. Ich habe es gerade gelesen, dass wir uns auf die Evakuierung vorbereiten. Die wussten doch bis gestern gar nicht, wo wir überhaupt liegen.“ Andere erzählten von Karten in der ARD-Tagesschau und von Live-Berichten im ORB, wo ihr kleiner Ort verzeichnet gewesen sei. Auf 17 Kilometer zieht sich die Elbe in diesem südwestlichen Brandenburger Zipfel durch Brandenburg. „Wir wollten nach der Wende eigentlich zu Sachsen“, sagte Manfred Kirchner. „Ein Volksentscheid brachte auch die nötige Mehrheit, aber dann hat der Landrat anders entschieden und sich über das Votum hinweggesetzt.“ So sei man heute mehr oder weniger freiwillig Brandenburger.

Gleich gegenüber dröhnten die Stromaggregate der Fernsehsender. Die weißen Autos mit den großen Satellitenschüsseln, den Scheinwerfern und den großen Kabelrollen wirkten vor der Kulisse der historischen Kleinstadt auf der einen Seite und der überschwemmten Elbwiesen wie ein Ufo-Landeplatz. Gespenstisch, wie die ganze nächtliche Stadt. Viele Türen und Fenster mit Sandsäcken sowie Stahl- und Holzplatten verbarrikadiert, an den Türen der Geschäfte Zettel mit der Aufschrift „Geschlossen". Nur aus der Ross-Schlächterei gegenüber vom Rathaus drang Krach. Pferde und andere Tiere wurden in Sicherheit gebracht.

Ursula Güntzler, die Chefin der Ferienwohnung, wälzte nach dem Packen des Autos mit ihrem Mann noch einige Landkarten. „Meine Schwester wohnt in Marienberg im Erzgebirge. Vielleicht kommen wir über Umwege hin. Dort soll sich die Lage schon beruhigt haben.“ Doch eine Reise durch die Dunkelheit beginnen? „Egal, Hauptsache weg, dann schlafen wir eben im Auto.“ Ihren Übernachtungsgästen hinterließ Frau Güntzler Streichhölzer und Kerzen. „Für alle Fälle“, sagte sie. „Hoffentlich haben Sie Glück und schnelle Beine.“ Dann war sie weg.

Am hellen Tag dann die Evakuierung. Einige Menschen irrten hilflos durch die Straßen. „Ich wollte zum Arzt, aber der ist wohl schon geflüchtet“, sagte ein junger Mann. Andere Einwohner standen vor verschlossenen Türen der Supermärkte.

Auch im Rathaus gab es keine Hilfe mehr. Der Krisenstab ist in eine Agrargenossenschaft hoch über der Stadt gezogen.

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