Nicolas Kiefer : Ein erster Schritt zurück

Nicolas Kiefer gibt nach einjähriger Verletzungspause sein Comeback - er ist gelassener geworden.

Petra Philippsen[Halle/Westfalen]

Auf den ersten Blick scheint die Szene ganz alltäglich. Ein paar Tennisspieler verteilen sich auf den abgeschiedenen Rasenplätzen neben dem Gerry-Weber-Stadion. Unter ihnen ist auch Nicolas Kiefer. Doch für ihn ist das, was in den vergangenen zehn Jahren sein Leben bestimmt hat, längst keine Routine mehr. Seit einem Jahr konnte der 29-Jährige kein Match mehr bestreiten, eine Handgelenksverletzung zwang ihn zur Pause. Immer wieder musste er seine Rückkehr verschieben, in Halle/Westfalen hofft er diese Woche nun auf ein Ende des Leidensweges. Es soll ein erster Schritt zurück in sein altes Leben werden, und mehr als einen ersten, kleinen Schritt erwartet er auch nicht: „Ich bin ziemlich nervös. Ich weiß nicht, wo ich nach der langen Auszeit stehe.“

Mit dem weißen Band, das er sich um die Stirn gebunden hat, erinnert er eher an einen Samurai-Kämpfer, doch es passt irgendwie zu ihm. Denn verbissen um jeden Punkt gekämpft hat er auf dem Platz in den letzten Jahren immer, wobei seine emotionalen Ausbrüche mitunter die Grenzen des Erlaubten überschritten. „Ich bin eben, wie ich bin, aber ich gebe immer alles. Und manchmal geht es mit mir durch“, hat er oft gesagt. Das war auch an jenem schicksalshaften Tag in Paris so, als er im Marathon-Match gegen den Franzosen Marc Gicquel so unglücklich stürzte, dass er im folgenden Match aufgeben musste. „Ich hätte damals nie gedacht, dass die Verletzung so schlimm ist“, erinnert sich Kiefer, der zu einem Zeitpunkt ausgebremst wurde, als er bei den Australian Open das Halbfinale erreicht hatte und bereit schien, noch einmal die Top Ten anzugreifen. Stattdessen musste er in den folgenden Monaten abseits des Courts kämpfen: um seine Karriere, seine Träume als Sportler, „um alles“, wie er selbst sagt. Diese Zeit hat sichtbare Spuren hinterlassen.

Auf dem Platz direkt neben Kiefer verschlägt Philipp Kohlschreiber gerade eine Vorhand und macht seinem Ärger mit einem nicht jugendfreien Fluch Luft. Kiefer schaut kurz zu ihm herüber und ein breites Grinsen huscht über sein Gesicht. Er mag sich für einen Moment an sich selbst erinnert gefühlt haben, doch er ist ruhiger geworden. Dreimal in Folge schießt seine Vorhand über die Grundlinie hinaus, früher hätte Kiefer schon mal lautstark geflucht oder seinen Schläger geworfen. Jetzt nimmt er die Fehler ruhig hin und platziert den nächsten Ball im Feld. „Ich bin viel gelassener geworden. Vielleicht auch erwachsener. Sich über Dinge aufzuregen, die ich nicht ändern kann, bringt nichts. Ich kann mich jetzt auch über die kleinen Dinge freuen“, sagt Kiefer, der auch durch die Arbeit mit seiner Stiftung „Aktion Kindertraum“ viel gelernt hat. „Eigentlich wollte ich ja den Kindern helfen, aber sie haben mir viel mehr geholfen. Manche von ihnen haben noch ein oder zwei Jahre zu leben. Dagegen ist meine Verletzung doch nichts. Es war wichtig für mich, das zu spüren“, erklärt er.

Dennoch gab es in den vergangenen Monaten immer wieder Phasen, in denen es Kiefer schwer fiel, die positive Einstellung zu bewahren. Zwei Operationen des linken Handgelenks waren nötig, immer wieder folgten Rückschläge im Heilungsprozess, die Schmerzen wurden ein ständiger Begleiter. Keine Therapiemaßnahme ließ er ungenutzt, sogar die Behandlung in einer Eiskammer bei minus 64 Grad nahm er auf sich.

Außerdem nutzte er die Chance, ein wenig den normalen Alltag nachzuholen, den er nie wirklich erlebt hatte. Selbst am Besuch eines Kochkurses konnte er sich erfreuen. Doch an ein vorzeitiges Karriereende mochte Kiefer dabei nie denken: „Ich fühle mich noch jung genug, um wieder anzugreifen. Ich will es versuchen, obwohl ich nicht erwarten kann, dass ich gleich Bäume ausreiße.“

Der Schritt zurück in die Zukunft ist für Kiefer ein ungewisser. Ob er noch einmal an die alte Leistungsstärke anknüpfen kann, muss sich zeigen. Auch wenn Kritiker ihm, ebenso wie Thomas Haas, immer wieder vorwerfen, aus ihrem Talent zu wenig zählbaren Erfolg herausgeholt zu haben, so zeigten doch die letzten großen Turniere ohne sie, dass zur nachfolgenden Generation noch eine Lücke klafft. Ein Spieler wie Kiefer, der gereift ist, sich aber dennoch auf dem Platz zerreißt, Emotionen zeigt und polarisiert, kann für das deutsche Tennis nur positiv sein. Besonders emotional wird für ihn auch der erste Auftritt in Halle werden, seinem Heimturnier, dass er 1999 gewinnen konnte. Dass er dabei gleich gegen den starken Tschechen Tomas Berdych antreten muss, sei ihm dabei egal. Es zählen nur die kleinen Dinge: „Wenn mir endlich wieder ein Ballkind den Ball zuwirft oder der Schiri 15:0 oder von mir aus auch Fußfehler sagt, mein Name wieder an der Anzeigetafel steht, dann ist das schon wie ein Sieg für mich.“