Der Tagesspiegel : Nur Bestes vom Bauern

Claus-Dieter Steyer

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Das hätten sich Brandenburgs Biobauern vor ein paar Jahren nicht träumen lassen: Die Berliner Groß- und Einzelhändler, Fleischer, Bäcker oder Gemüse- und Naturkostverkäufer reißen ihnen die Produkte förmlich aus den Händen.

Immer stärker und schneller wächst der Bedarf nach Lebensmitteln, die ohne viel Chemie produziert werden. Obwohl schon jetzt zehn Prozent der rund eine Million Hektar großen märkischen Agrarfläche rein ökologisch bewirtschaftet werden, können längst nicht alle Wünsche der Aufkäufer befriedigt werden. Die Hysterie um Rinderwahnsinn, Vogelgrippe, Maul- und Klauenseuche und Gammelfleisch hat der Branche trotz der meist mageren Böden zu einem unerwarteten Aufschwung verholfen.

Bei so guten Geschäften stellt sich die Frage, warum sich nicht mehr Landwirte um das Öko-Siegel bewerben und ihre Arbeit auf Feldern und in Ställen umstellen. Der Hinweis auf begrenzte oder sogar zurückgehende Fördermittel der EU und des Landes klingt zwar immer einleuchtend. Schließlich sind die höheren Aufwendungen und die größere Zahl an Arbeitskräften für die Bioproduktion ohne Subventionen nicht zu schaffen. Doch viele Betriebe verdienen inzwischen auch auf anderen Feldern gutes Geld.

Sie verkaufen Roggen an die Chemieindustrie, die daraus Bioethanol als Zusatz für Kraftstoffe macht. Das lohnt sich so stark, dass einige Brandenburger Getreidemühlen vergeblich auf Kornlieferungen aus der Nachbarschaft warten. Sie können im Poker um Preise für nachwachsende Rohstoffe nicht mehr mithalten. Auch bei Raps und Weizen haben die Erlöse erheblich zugelegt.

Es geht den Bauern also insgesamt wieder besser. Die Horrorszenarien vom Sterben der Landwirtschaft haben sich als Irrtümer erwiesen. Selbst längere Trockenperioden wie im letzten Sommer verkraften die meisten Betriebe, auch wenn ihre Jammerei mitunter dramatisch klingt.

Die Stärke der Agrarbranche kann jeder bei Fahrten übers Land mit eigenen Augen sehen. Kaum ein Feld liegt mehr brach, überall wachsen Kulturen oder Futter, wobei jedoch auf manchen Flächen gentechnisch veränderter Mais und in Kürze auch im Labor behandelte Kartoffeln gedeihen. Brandenburg ist mit knapp 1000 Hektar Anbaufläche sogar bundesweit Spitzenreiter. Die betreffenden Bauern oder Genossenschaften verdienen gutes Geld damit, lassen sie sich doch oft von den Chemieproduzenten mit kostenlosem Saatgut und anderen Vorteilen ködern. Die Risiken einer unkontrollierten Ausbreitung der genmanipulierten Kulturen durch den Wind tragen vor allem die Öko-Bauern. Denn wenn bei Tests Verunreinigungen in den Produkten nachgewiesen werden, können sie ihre Siegel vergessen. Schon deshalb dürfte die Brandenburger Biobranche nicht unbegrenzt zulegen – auch wenn der Bedarf in Berlin noch so groß scheint.

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