Der Tagesspiegel : Nur Mut, es geht noch schlechter

Seit über 50 Jahren messen Meinungsforscher den Bundesdeutschen den Puls – oft war die Lage besser als die Laune. Und jetzt?

Anja Kühne

1950 ist das Jahr, in dem Sonja Ziemann und Rudolf Prack als beliebteste Schauspieler der Bundesrepublik den Bambi bekommen. Das Jahr, in dem die westdeutsche Fußballnationalelf in ihrer ersten internationalen Begegnung die Schweiz schlägt. Und es ist auch das Jahr, in dem die Lebensmittelmarken endlich abgeschafft werden. Die Fünfzigerjahre haben begonnen, die den Bundesdeutschen als eine besonders glückliche Phase in Erinnerung geblieben sind. Es ging vor allem bergauf, zu Wirtschafts- und Fräuleinwunder wie zum Weltmeistertitel im Fußball.

Doch davon wissen die Menschen damals, 1950, noch nichts – trotz mancher Vorboten. Weite Teile der bundesdeutschen Bevölkerung blicken pessimistisch in die Zukunft: 73 Prozent können nicht von sich behaupten, dass sie für das neue Jahr Hoffnungen hegen. Nie wieder haben so viele Deutsche schwarz gesehen wie damals. Selbst jetzt nicht, da 69 Prozent skeptisch in die Zukunft blicken, so viel wie seit fast 30 Jahren nicht mehr.

Atmosphärische Schwingungen

Seit 1949 misst das von Elisabeth Noelle-Neumann gegründete Institut für Demoskopie Allensbach den Bundesbürgern den Puls. „Sehen Sie dem neuen Jahr mit Hoffnungen oder Befürchtungen entgegen?“ fragt das Institut jährlich 2000 Personen. Im Laufe der Zeit ist damit eine Fieberkurve bundesdeutscher Stimmungen entstanden. Allensbach interpretiert die Zahlen nicht. Doch hat sich schnell herauskristallisiert, dass nur wenige Befragte die Frage im Hinblick auf ihre private Situation beantworten: „Die meisten Menschen verallgemeinern nicht das eigene Schicksal, sondern generalisieren, was sie selbst als Atmosphäre wahrnehmen“, sagt Bernhard Weßels, Sozialforscher am Wissenschaftszentrum Berlin.

Manchmal lassen sich die Ups und Downs der Deutschen ganz klar bestimmten Ereignissen zuordnen. Manchmal lässt sich über die Ursachen für gehobene oder gedrückte Stimmungen aber auch nur spekulieren. Warum etwa geben 1949 noch 48 Prozent an, dem neuen Jahr mit Hoffnungen entgegen zu sehen, 1950 dann nur noch 27 Prozent? Haben sich die Erwartungen an die neue Republik nicht schnell genug erfüllt? Ein Bild in der Zeitung zeigt einen Mann, der verzweifelt einen Drachen über Hamburg steigen lässt: „Ich suche Arbeit“, steht darauf. Elf Prozent der Westdeutschen sind arbeitslos. „Es hat sich gezeigt, dass die Stimmungslage immer eng mit der wirtschaftlichen Entwicklung verbunden ist“, sagt Weßels.

Wahrscheinlich haben auch viele Deutsche Angst vor einem neuen großen Krieg. Im Juli 1950 treffen amerikanische Bodentruppen in Korea ein, zwei Monate später sind bereits Zehntausende von Soldaten umgekommen. Der amerikanische Präsident Harry S. Truman droht dem Gegner schließlich mit der Atombombe. „Ein Krieg, der Weltbedeutung hat, schlägt ökonomische Probleme bei weitem“, sagt Weßels. „Es ist ein Superereignis, dessen Folgen für das eigene Land die Menschen antizipieren.“ So legt sich heute der drohende Irak-Krieg auf die Gemüter.

Doch damals – die Zahl der in Korea auf beiden Seiten umgekommenen Soldaten überschreitet eine Million – hebt sich die Laune schon bald. Die Arbeitslosenquote sinkt, obwohl die Bevölkerung um vier Millionen Flüchtlinge angewachsen ist. 45 Prozent blicken hoffnungsvoll ins Jahr 1952.

In den Fünfzigern werden die Deutschen immer optimistischer. Der blutig niedergeschlagene Arbeiteraufstand in Ost-Berlin? Der Sputnik-Schock? Die Bundesbürger geraten nicht in eine kollektive Depression. Wenn es wirtschaftlich nur immer besser geht! Die Westdeutschen fahren Isetta. Küchenmixgeräte werden zu den Schlagern des Weihnachtsgeschäfts. Immer um die 60 Prozent der Deutschen sagen in diesen Jahren, dass sie hoffnungsvoll in die Zukunft blicken. Die Zahl der Arbeitslosen ist im Sturzflug. Im Jahr 1959 – die Deutschen sind so zuversichtlich wie nie zuvor – liegt die Quote bei 2,6 Prozent. Auch in den Sechzigern kann nichts die Stimmung trüben – weder Mauerbau noch der Vietnam-Krieg. Denn die Arbeitslosenzahl fällt und fällt. 1967 liegt sie bei 0,7 Prozent.

Die Wende

Dann versetzt die Ölkrise den Deutschen einen kräftigen Dämpfer. Die Autobahnen sind leergefegt – 1973 scheint das Ende des Booms eingeläutet. Nur 30 Prozent haben Hoffnungen für das neue Jahr. Doch die Stimmung wird schon bald besser.

Erst am Anfang der Achtzigerjahre bricht sie wieder ein. Die CDU wirft Helmut Schmidt vor, einen Schuldenberg und Massenarbeitslosigkeit hinterlassen zu haben. Die Arbeitslosenquote liegt inzwischen bei über sieben Prozent. In einem konstruktiven Misstrauensvotum wird 1982 nach 13 Jahren sozial-liberaler Koalition Helmut Kohl zum Kanzler gewählt; im folgenden Jahr bestätigen die noch immer verstimmten Bundesbürger die Wende in einer Wahl.

Im Fernsehen läuft die „Schwarzwaldklinik“, Boris Becker gewinnt 17-jährig in Wimbledon. Die Deutschen sind mehrheitlich wieder guter Dinge. Auch die Atomkatastrophe von Tschernobyl, über die Wissenschaftler und Philosophen doch schreiben, sie habe die Welt verändert, kann dem mehrheitlich hoffnungsvollen Blick in die Zukunft nichts anhaben. Genau so wenig wie die wachsende Zahl von Arbeitslosen, die auf über neun Prozent klettert. Warum scheint die Arbeitslosigkeit plötzlich von der Stimmung abgekoppelt?

Bernhard Weßels erklärt das mit der Konjunktur: „Die Wachstumsraten waren nicht schlecht in den Achtzigern.“ Deshalb hätten sich die Menschen sogar an die hohe Arbeitslosigkeit gewöhnen können: „Es muss nicht immer gleich ein Wirtschaftswunder geben.“. Außerdem hänge der Optimismus stets auch davon ab, für wie kompetent die Bürger die Politiker halten, sagt Weßels: „Wenn sie glauben, dass die Regierung den richtigen Zugriff hat, sind sie trotz Inflation oder schlechtem Wachstum zuversichtlich.“

Manchmal hilft auch ein zeitlicher Abstand den Deutschen aus einem Hoffnungstief. Unmittelbar nach dem Anschlag auf das World Trade Center blickten nur 30 Prozent mit Hoffnungen ins neue Jahr. Doch die Zahl der positiv Eingestellten hob sich schon zum Jahresende auf 42 Prozent. Die beste Stimmung, die jemals im Land gemessen wurde, verursachte ein unverhofftes Ereignis, der Fall der Mauer.

Sind die Deutschen mit ihren Stimmungsschwankungen nun mehrheitlich ein Volk, das zur Skepsis neigt? Der statistische Mittelwert deutscher Zuversicht, wie er sich aus sämtlichen Befragungen errechnen lässt, liegt bei 51 Prozent. Das ist immerhin ein Sieg für den Optimismus, wenn auch nur ein knapper.

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