Der Tagesspiegel : Nur über seine Leichen

Guben diskutiert über die Plastinationsfabrik von Gunther von Hagens Der „Körperwelten“-Erfinder hofft auf einen Bürgerentscheid

Sandra Dassler

Guben - Trotz heftiger Proteste will der Erfinder der umstrittenen „Körperwelten“-Ausstellung, Gunther von Hagens, in Guben ein weiteres Institut für Plastination einrichten. „Die Produktionshallen des alten Traditionsbetriebs ,Gubener Wolle’ eignen sich hervorragend für meine Pläne und könnten so außerdem vor dem Verfall gerettet werden“, sagte er dem Tagesspiegel. „Wenn die Einwohner von Guben mich erst einmal kennen gelernt haben, werden sie mich mögen.“

Vor zwei Wochen war bekannt geworden, dass dem Gubener Bürgermeister Klaus-Dieter Hübner (FDP) seit einiger Zeit ein Angebot des Plastinators vorliegt. Nachdem Stadtverordnete sich übergangen gefühlt und die Sache öffentlich gemacht hatten, entbrannte ein erbitterter Streit zwischen Anhängern und Gegnern der „Leichenfabrik“. Vor allem die Kirchen werfen von Hagens vor, mit seinen Verfahren zur Präparation Verstorbener gegen die Menschenwürde zu verstoßen. Der Ratspräsident der Evangelischen Kirche in Deutschland, Bischof Wolfgang Huber, forderte die Gubener auf, von Hagens zu zeigen, „dass der Widerstand hier genauso groß ist wie in Polen“. Aus dem 50 Kilometer von Guben entfernten Sienawa Zarska hatte der Plastinator sich nach massiven Protesten zurückgezogen.

Die Gemüter in Guben versuchte von Hagens nun in einem offenen Brief zu beruhigen, der auf einer Sondersitzung am Mittwoch verlesen wurde. Darin erklärt er, dass er nicht vorhabe, die Präparation ganzer menschlicher Körper – wie zurzeit im chinesischen Dalian – nach Guben zu verlagern. In der Neißestadt solle die Plastinationstechnik weiterentwickelt werden. Außerdem wolle er hier Hilfsmittel sowie Verkaufsprodukte zu den Ausstellungen lagern. Gefertigt würden nur Großtierplastinate wie Elefant und Giraffe sowie dünne plastinierte Körperscheiben von Mensch und Tier.

Die Abgeordnete Kerstin Nedoma, die für die Fraktion der Linkspartei/PDS den sofortigen Abbruch der Kontakte mit von Hagens fordert, sieht da keine Unterschiede: „Ob die Leichen nun als Ganzkörper präpariert werden oder als Scheiben – in jedem Fall wird damit Profit erzielt.“ Das bestreitet von Hagens nicht. Er betont aber, dass die meisten Anfragen nach den Scheibenplastinaten von Chirurgen, Orthopäden und Universitäten kommen. „Diese Scheiben helfen nicht nur bei der besseren Auswertung von Patientenbefunden“, sagt er. „Sie bieten im Gegensatz zu Computerbildern auch die Möglichkeit, Operationstechniken im dreidimensionalen Raum zu trainieren und zu verfeinern.“

Dieser medizinische Ansatz von Hagens wird auch in Fachkreisen anerkannt. Kerstin Nedoma überzeugt das nicht: „Wenn er erst einmal hier ist, kann er doch machen, was er will“, sagt sie und zürnt vor allem ihrem Bürgermeister. Der hätte die Stadtverordneten vor Beginn der Gespräche mit von Hagens informieren müssen. Jetzt würden mit dem Versprechen von 200 neuen Arbeitsplätzen alle Bedenken vom Tisch gefegt.

Von Hagens selbst distanziert sich von einem solchen Versprechen: „Ich weiß nicht, in welchem Zeitraum wie viele Arbeitsplätze entstehen. Aber die Renovierung der großräumigen Immobilien, die Verlagerung der Logistik und überhaupt der ganze Aufwand würde sich für eine Hand voll Arbeitsplätze gar nicht lohnen.“ Ein Ausbau seiner vorhandenen Werkstätten in Heidelberg und China sei aber sehr viel teurer, weil er dort neue Hallen bauen müsse, begründet er sein Festhalten am Standort Guben. Einen von der Stadtverordnetenversammlung angeregten Bürgerentscheid – nach gründlicher Information der Bevölkerung – fände er gut: „Die meisten Menschen, die sich gründlich und vorurteilsfrei mit meinen Verfahren auseinander setzen, sind am Ende davon überzeugt“, sagt er. Gegen Behauptungen, manche seiner Leichen seien hingerichtete Chinesen oder verstorbene Insassen kirgisischer Gefängnisse, will er künftig gerichtlich vorgehen. „Die Spender haben sich freiwillig verpflichtet.“ Während seiner Ausstellung in Berlin seien Tag für Tag zwei neue Spender hinzugekommen. Auch in Guben soll es bereits Interessenten geben.

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