Der Tagesspiegel : Oberleitungsbusse: An der Strippe um die Ecke

Claus-Dieter Steyer

So ein Verkehrsmittel wie in Eberswalde gibt es im ganzen Osten Deutschlands kein zweites Mal. Selbst der Westen kann mit Esslingen und Solingen nur ganze zwei Orte mit dieser Besonderheit aufweisen: Oberleitungsbusse oder kurz O-Busse. Seit nunmehr 60 Jahren verkehren diese elektrisch betriebenen Omnibusse in der nördlich Berlins gelegenen Kreisstadt. Das Jubiläum war der Barnimer Busgesellschaft nur eine kleine Feierstunde wert. Dabei hätte der seltene Anlass durchaus Stoff für ein Stadtfest gegeben. Denn die eigens zum Jahrestag herausgegebene Broschüre hält eine erstaunlich bewegte Geschichte des Eberswalder "Strippenbusse" fest.

Auf zwei Linien mit einer Gesamtlänge von 25,6 Kilometern hängen heute die an die Straßenbahn erinnernden elektrischen Leitungen. "Unsere Stadt ist sehr langgestreckt", sagt der Geschäftsführer der Busgesellschaft, Frank Wruck. "Schließlich entstand sie aus zwei Ortsteilen - Eberswalde und Finow." Angesichts der großen Ausdehnung lohne sich ein O-Bus. Der Kostendeckungsgrad liege derzeit bei rund 55 Prozent und steige fast unablässig. Öko-Steuer und Dieselpreiserhöhung schlagen sich nicht oder über die Stromkosten nur unwesentlich nieder. Dazu kommt die Entlastung der Umwelt: Die O-Busse ziehen keine dunkle Abgasfahne hinter sich her.

Jährlich 4,5 Millionen Fahrgäste nutzen dieses Verkehrsmittel. Täglich sind auf den beiden Linien zwölf O-Busse gleichzeitig unterwegs, in Spitzenzeiten verstärken weitere zwei Fahrzeuge das Angebot. Bis auf wenige Ausnahmen besteht die ganze Flotte inzwischen aus modernen Niederflurbussen mit bequemen Ein- und Ausstiegen.

Der erste elektrisch betriebene Bus fuhr 1901 durch Eberswalde. Abgeordnete der Stadt waren auf der Pariser Weltausstellung ein Jahr zuvor auf die Neuheit aufmerksam geworden. Auf eigene Kosten baute die Berliner Firma Brandt deshalb eine kurze Strecke. Doch schon drei Monate nach der Eröffnung endete das Experiment. Der schlechte Straßenzustand führte immer wieder zu Störungen an der damals noch unausgereiften Technik. Es folgte ab 1909 der Bau eines Straßenbahnnetzes.

In den dreißiger Jahren wurde Eberswalde zu einem Zentrum der Rüstungsindustrie. Dem wachsenden Verkehrsaufkommen war die eingleisige Straßenbahnstrecke längst nicht mehr gewachsen, so dass im November 1940 die ersten O-Busse das Stadtbild prägten. Kurz vor Kriegsende zerstörte ein Bombenangriff der deutschen Luftwaffe auf die damals schon von der sowjetischen Armee besetzte Stadt auch das Busdepot.

Ein einziges Fahrzeug konnte aus den Resten zusammengebaut werden. Im August 1945 begann das neue Zeitalter. Kamen die ersten neuen Busse bis 1957 noch aus DDR-Werken, wurde die Produktion später in die CSSR und nach Ungarn verlagert. Anfang der achtziger Jahre sollte der O-Bus-Verkehr eingestellt werden. Die Kosten für die Unterhaltung der Strecken erschienen als zu hoch. Doch die Ölkrise im Westen und die damit verbundene Kürzung der sowjetischen Erdöllieferungen an die DDR retteten den O-Bus in Eberswalde, Potsdam-Babelsberg, Weimar und Hoyerswerda. Nach der Wende blieb davon nur noch Eberswalde übrig. Die überdurchschnittliche Streckenlänge und eine ziemlich weitsichtige Rathausführung hatten den Strippenbus vor der Einstellung bewahrt.

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