Der Tagesspiegel : "Oder-Valley": Ein Muster an Geheimhaltung

Jörg Schreiber

Im Videofilm ist die künftige Chipfabrik im brandenburgischen Frankfurt (Oder) schon Wirklichkeit geworden: Der Komplex auf der grünen Wiese wird von der Autobahn Berlin-Frankfurt (Oder) und einer Straßenbahnlinie mit eigener Haltestelle für das Werk tangiert. Die beiden "Produktionshallen" - staubfreie Reinsträume mit einer Fläche von 7000 Quadratmetern - tragen auf den Dächern die Aufschrift "Communicant". So heißt die Aktiengesellschaft, die der weltweit größte Halbleiterhersteller Intel und das Frankfurter Institut für Halbleiterphysik (IHP) hier gemeinsam mit weiteren Investoren gegründet haben.

Nicht nur der kurze Videofilm wurde schon vor einiger Zeit "gedreht", auch jede Menge Informationsmaterial und ganze Planungen liegen bereits vor. Und es gab gar schon Gespräche mit künftigen Beschäftigten. Schon seit 18 Monaten sei im Stillen an dem Projekt gearbeitet worden, sagt der designierte Communicant-Chef Klaus Wiemer. Die neue Firma sei bereits vor mehreren Tagen in das Handelsregister eingetragen worden.

Um so erstaunlicher ist es, dass der Name des strategischen Investors - der Intel Corporation - und die Höhe der größten Investition im Land Brandenburg bis zur offiziellen Bekanntgabe in dieser Woche geheim gehalten werden konnten. Immer wieder teilten Stadt und Land mit, dass Gespräche laufen, doch offensichtlich haben alle Beteiligten dicht gehalten. Die Geheimhaltung war nötig gewesen, erläutert Wiemer. Schon deshalb, weil Intel ein börsennotiertes Unternehmen ist.

Um so offener gibt er jetzt Auskunft über das für drei Milliarden Mark zu bauende Werk: Communicant werde eine Firma sein, die unter Vertrag für andere Unternehmen Chips herstellt, sagt er. Denn die Chip-Produktion sei sehr teuer, so dass sich nicht jeder Interessent eine eigene Produktionslinie aufbauen könne. Das Modell sei im übrigen nicht neu und schon vor Jahren in Taiwan entstanden. Er selbst habe vor zwölf Jahren auf der Insel die erste Firma dieser Art hochgefahren. Und er verrät: Intel sei ein Prozent der Fertigungskapazität der neuen Fabrik garantiert.

"Ich freue mich, nun wieder in einem Land arbeiten zu können, dessen Sprache ich verstehe", sagt der 1937 in Duisburg geborene US-Staatsbürger, der den Großteil seines Lebens in den Vereinigten Staaten und Südostasien verbrachte. Frankfurt sei von den Investoren nicht zufällig ausgewählt worden. Die fortgeschrittene Chip-Technologie, die am IHP unter seinem Landsmann Abbas Ourmazd entwickelt worden war, und die Tradition als Halbleiterstandort seien ausschlaggebend gewesen.

Er erinnerte daran, dass dort zu DDR-Zeiten eine der größten Halbleiterfabriken des Ostblocks mit rund 8000 Beschäftigten gestanden hatte. Viele der damaligen Beschäftigten hätten noch Wurzeln an der Oder, auch wenn sie zu anderen Herstellern gewechselt seien. Auf diese Leute hoffe er nun, wenn 1500 Menschen in der neuen Fabrik gebraucht werden. Die DDR-Technologie sei zwar völlig überholt, sagt Wiemer. Aber die Arbeitsschritte seien weitgehend die gleichen geblieben.

Unterdessen hofft die ganze Region um Frankfurt, dass mit der Chipfabrik auch der Aufschwung kommt. Weit über 2.000 Arbeitsplätze werden wohl in der Peripherie entstehen, sagt Oberbürgermeister Wolfgang Pohl (SPD), der vom schönsten Ereignis seiner neunjährigen Amtszeit sprach. Das hätten Erfahrungen anderer Standorte gezeigt.

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