Oderberg : Kriechende Katastrophe

Der Geisberg in der Kleinstadt Oderberg könnte weiter abrutschen. Ein Wohnhaus und eine Garage dürfen schon jetzt aus Sicherheitsgründen nicht mehr betreten werden. Auch eine Schule und eine Kirche des Ortes seien bedroht.

Bernd Kluge
Abrutschende Haenge bedrohen Oderberg
Margitta Diescher steht neben ihrem von einem Erdrutsch bedrohten Haus in Oderberg. -Foto: ddp

OderbergKarl-Heinz Diescher entrümpelt seine Garage, während Ehefrau Margitta den heimischen Garten vom Unkraut befreit. Was auf den ersten Blick idyllisch anmutet, ist für die beiden eine echte Nervenprobe. Denn Familie Diescher kann zwar ihr Grundstück im ostbrandenburgischen Oderberg bewirtschaften, das darauf stehende Haus aber darf sie seit Herbst vergangenen Jahres nicht mehr betreten.

Ursache ist der knapp 40 Meter hohe Geisberg, der das 1870 erbaute Häuschen zu verschütten droht. Zweimal war der Geröllhügel aus Sand, Lehm und Mergel im vergangenen Jahr ins Rutschen geraten. Im April 2008 polterten mitten in der Nacht rund 600 Kubikmeter Erdmassen den Hang hinab, drückten eine zwei Meter hohe Feldsteinmauer weg und verschütteten die Rückfront von Dieschers Anwesen. "Wir wurden von dem Lärm aus dem Schlaf gerissen, fühlten uns wie lebendig begraben", erinnert sich die Hausherrin.

Im Sommer, als Mitarbeiter der Stadt Oderberg endlich die Geröllmassen aus dem Hinterhof geräumt hatten, rutschte der Berg erneut nach. Inzwischen sind auch weitere Gebäude in der Oderberger Gartenstraße bedroht. Ein Nachbar dürfe seine am Hang stehende Garage nicht mehr nutzen, berichten die Betroffenen. Im Herbst schließlich erließ der Landkreis Barnim eine Ordnungsverfügung, nach der die Dieschers aufgrund akuter Lebensgefahr ihr Zuhause bis auf weiteres verlassen müssten. "Das ist wie Zwangsenteignung", schimpfen die Vertriebenen, die seitdem unentgeltlich in einer Mietwohnung in der Nähe leben.

Von dort aus haben sie ihr Häuschen ständig im Blick. Doch das treibt ihnen nur die Tränen in die Augen, denn keiner weiß, ob sie jemals zurückkehren können. Bisher ist in der Sache nicht viel passiert. Stattdessen stritten die Behörden, wer denn für diesen im Land Brandenburg einmaligen Fall zuständig ist. Nach Ansicht des Amtes Britz-Chorin-Oderberg, zu dem die hoch verschuldete Kommune seit Jahresbeginn gehört, geht es hierbei um "vorbeugenden Katastrophenschutz", für den laut Brandenburger Brand- und Katastrophenschutzgesetz der Landkreis verantwortlich sei.

Amtsdirektor Rainer Schneider (CDU) beauftragte einen Rechtsanwalt, eine sogenannte Feststellungsklage zur Frage der Zuständigkeit ist anhängig. Unterdessen hatte Schneider ein Gespräch mit Vertretern der Barnimer Kommunalaufsicht. "Es geht voran, der Kreis wird uns unterstützen", sagt er, ohne Details zu nennen.

Geologen des Brandenburger Landesbergbauamtes stellten Anfang des Jahres in einem Gutachten fest, dass die Berge in Oderberg "kriechen", dass die Sand- und Lehmschichten instabil sind. Die Eiszeit hatte hier vor Jahrtausenden Hügel mit schroffen Abhängen geformt. Problematisch für die Oderberger Altstadt wird nach Angaben der Dieschers inzwischen auch der Albrechtsberg, der die von Friedrich August Stüler erbaute Nikolaikirche bedroht. Der benachbarte Schulhof sei aus Sicherheitsgründen teilweise gesperrt worden.

Der Geisberg hinter den Häusern der Gartenstraße gilt jedoch laut Gutachten als besonders gefährlich. Demnach kann er jederzeit wieder ins Rutschen geraten. "Er ist in Bewegung, rieselt vor sich hin. Die Böschung sieht schon wieder ganz anders aus als vor zwei Wochen", sagt Margitta Diescher. Das Anwesen ist ihren Angaben nach der einzige Besitz der Familie. "Wenn der Berg unser Haus zerstört, haben wir nichts mehr, da uns die Versicherung wegen erhöhter Gefahrenlage gekündigt hat", erzählt die 52-Jährige.

Die Gutachter empfehlen dringend eine Stabilisierung des Hanges - entweder mit Stützwänden oder durch ein "Vernageln" des Berges mit betonverfüllten Bohrlöchern. Sonst müssten die Häuser in der Gartenstraße versetzt werden. "Das wird schwierig. Aufgrund des morastigen Untergrundes stehen hier alle Gebäude auf Pfählen", weiß Margitta Diescher.

Familie Diescher hat sich inzwischen mit der Bitte um Hilfe an das Brandenburger Innenministerium gewandt. Dieses wollte sich auf Anfrage nicht zum Sachstand äußern. Ein Sprecher verwies darauf, dass sich das Ministerium nicht über Inhalte von Schriftverkehr mit Privatpersonen äußere.

Auch der Landkreis Barnim und die Amtsverwaltung Britz-Chorin-Oderberg wollen nach Angaben von Amtsdirektor Schneider gemeinsam beim Land Unterstützung anfordern. Bis Mitte August soll eine vom Amt in Auftrag gegebene sogenannte Umsetzungsstudie vorliegen. Scheider sagt: "Daraus werden wir ersehen, was zur Hangsicherung getan werden muss". (jz/ddp)

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