Odertal : Furcht vor der "strahlenden Zukunft"

Direkt am Nationalpark Unteres Odertal plant Polen sein erstes Atomkraftwerk. Bei den deutschen Nachbarn wächst der Protest

Claus-Dieter Steyer

Gryfino/SchwedtBeim Blick über die Oder stellt sich bei vielen Menschen im Nordosten Brandenburgs derzeit ein Unbehagen ein. Auslöser sind die weithin sichtbaren Schornsteine des Kohlekraftwerks Gryfino (Greiffenhagen) gegenüber der Kleinstadt Gartz. Allerdings stört sich kaum jemand an den rauchenden Schloten oder an der Verschandelung des Landschaftsbildes im grenzüberschreitenden Nationalpark, sondern viel mehr an den „strahlenden Plänen“ für diesen Standort. Denn hier soll möglicherweise Polens erstes Atomkraftwerk gebaut werden.

Während sich auf deutscher Seite sämtliche Stadt- und Regionalparlamente und die Landesregierung gegen die „risikobehaftete Kernkraft“ ausgesprochen haben, begrüßen die westpolnischen Kommunen schon wegen der 1000 in Aussicht gestellten Arbeitsplätze den AKW-Bau.

„Die endgültige Entscheidung will die polnische Regierung 2010 treffen“, sagt der SPD-Landtagsabgeordnete Mike Bischoff, der im Raum Schwedt eine Unterschriftenaktion gegen das Atomkraftwerk initiiert hat. Im Umkreis des möglichen Standortes lebten rund 500 000 Menschen. „Störfälle sind nicht auszuschließen, egal wie modern die Technik ist“, erklärt Bischoff. Zudem sagt er erhebliche Nachteile für die Tourismuswirtschaft voraus. Die bisher gesammelten 7000 Unterschriften seien Ausdruck der großen Besorgnis.

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Für den Standort südlich der 20 000 Einwohner großen Stadt Gryfino plädieren vor allem Universitätsprofessoren aus Stettin. Hier gebe es große Synergieeffekte mit dem seit 1974 dort bestehenden Kohlekraftwerk, erklärte der Kernphysikprofessor Konrad Czerki. „Die Abwärme der bei 800 Grad Celsius arbeitenden Hochtemperaturreaktoren könnte genutzt werden, um das vom Kohlekraftwerken ausgestoßene Kohlendioxid in Kohlenwasserstoffe umzuwandeln.“ In dem nur wenige Dutzend Kilometer entfernten Schellenberg bei Prenzlau geht man einen ähnlichen Weg. Allerdings soll hier im weltweit ersten Hybridkraftwerk überschüssige Energie aus Windkraftanlagen zur Produktion von Wasserstoff genutzt werden, der ab 2010 Turbinen antreiben soll.

Der in den späten Achtzigern geplante Bau eines ersten Atomkraftwerkes in Polen war nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl gestoppt worden. Seither bezieht das Nachbarland seinen Strom fast ausschließlich aus Kohlekraftwerken. „Würde das Kernkraftwerk 2020 kommen, wäre das eine Katastrophe für die einzigartige Landschaft“, sagt Thomas Berg, Chef des Fördervereins für den Nationalpark Unteres Odertal. „Zwar würde sich dadurch formal nichts am Status des Naturschutzes ändern, aber dann würden Touristen wohl einen großen Bogen um das Gebiet machen.“ Berg vertraut aber auf das „große Protestpotenzial zwischen Berlin und Stettin“. Bereits Mitte Mai war es zu einer ersten Demonstration von deutschen und polnischen Umweltschützern in Gryfino gekommen. Allerdings fiel die Resonanz mit 100 Teilnehmern noch schwach aus.

Die Bundesregierung behandelt das Thema noch zurückhaltend. Es gebe zur Zeit keine Treffen mit der polnischen Regierung zu Fragen der Atomenergieentwicklung und nuklearen Sicherheit, heißt es im Bundesumweltministeriums. Die Entscheidung zur Kernenergie sei das souveräne Recht eines jeden Staates.

Zu den wenigen Befürwortern der Pläne bei Gryfino gehört der Gartzer Landwirt Wolfgang Dehnet. „Je mehr Kraftwerke, desto besser“, sagt er. „Da sinkt der Strompreis, weil die Polen die Energie sicher auch zu uns exportieren.“

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