OECD : Steuerlast in Deutschland besonders ungerecht verteilt

Deutschland nimmt von denen am meisten, die am wenigsten haben: In einer Studie kritisiert die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), dass der Staat wie kaum ein anderes Industrieland bei den Gering- und Normalverdienern zulangt.

Berlin/ParisBesonders weit über dem OECD-Durchschnitt liege die Abgabenlast für Alleinerziehende mit geringem Einkommen. Grund dafür sei, dass viele OECD-Länder dieser Gruppe umfangreiche staatliche Mittel gewährten. In einigen Ländern führe dies dazu, dass der Arbeitnehmer sogar netto mehr in der Tasche habe als der Arbeitgeber brutto zahle.

Von 100 Euro Arbeitskosten (Bruttoverdienst plus Sozialbeiträge des Arbeitgebers) blieben dem alleinverdienenden Durchschnittsverdiener im vergangenen Jahr nach Abzug von Lohnsteuer und Sozialbeiträgen noch 48 Euro übrig. Für einen alleinstehenden Geringverdiener waren es 52,70 Euro. Hier waren nur in Belgien die Abzüge höher. Weniger dramatisch sieht es beim verheirateten Alleinverdiener mit Durchschnittsverdienst und zwei Kindern aus: Ihm blieben 63,60 Euro. Bei dieser Gruppe rangiert Deutschland auf Platz zehn.

Die OECD fordert seit längerem die Bundesregierung auf, Gering- und Durchschnittsverdiener mehr zu entlasten. Von den Maßnahmen in den vergangenen Jahren hätten vor allem Gutverdiener profitiert. Anders als die progressive Einkommensteuer vermuten lasse - mit jedem Euro mehr Lohn steigt auch die Steuerlast -, sinkt laut OECD in Deutschland die Belastung der Arbeitseinkommen ab einem bestimmten Punkt wieder. Dies sei in kaum einem anderen Land der Fall.

So fallen in Deutschland den Angaben zufolge bei einem Single mit einem Jahresgehalt von 63.000 Euro mit 53,7 Prozent die höchsten Abzüge durch Steuern und Sozialbeiträge an. Bei 110.000 Euro hingegen müssten nur noch 50 Prozent der Arbeitskosten an Sozialkassen und Staat abgeführt werden. Die Quote liege damit auf dem Niveau eines Arbeitnehmers mit 36.500 Euro Jahresgehalt. Dieser Effekt sei auf die Beitragsbemessungsgrenzen bei den Sozialabgaben zurückzuführen.

Die Steuer- und Abgabenlast wird aus der Einkommensteuer abzüglich Bartransfers wie Kindergeld plus Abgaben an die Sozialkassen berechnet. Berücksichtigt wird auch die steuerliche Absetzbarkeit von Beträgen. Als deutschen Durchschnittslohn hat die OECD einen Bruttojahresverdienst von 43.942 Euro unterstellt. Unter anderem durch geringere Beiträge zur Arbeitslosenversicherung ist in Deutschland die Gesamtbelastung der Einkommen gesunken. Unter den 30 OECD-Ländern kommt Deutschland bei der Steuer- und Abgabenlast insgesamt auf den zweit- beziehungsweise dritthöchsten Wert. (sp/dpa)