Der Tagesspiegel : Ohne Zweifel

US-Präsident Bush gewinnt die Wahl – deutlich

Malte Lehming

Selten war ein Wahljahr in den USA derart aufgeladen mit Dramatik. Ein Präsident, der Amerika so geprägt hatte, kämpfte um die zweite Amtszeit. Seine Maßnahmen waren radikal: zwei Kriege, drei Steuersenkungen, das höchste Haushaltsdefizit der Geschichte, ein riesiges neues Ministerium, die Aufkündigung internationaler Verträge, Patriot Act, Folteraffäre, Guantanamo. Wer nicht für uns ist, ist gegen uns, hatte George W. Bush nach den Anschlägen vom 11. September 2001 verkündet. Dies stimmte bis zum Wahltag.

Der 2. November: Es ist die erste Wahl seit „Nine-Eleven“, die erste seit der Irakinvasion, die erste seit Vietnam, bei der sich das Land im Krieg befindet. Zwei Ideologien buhlen um die Mehrheit. Gebt den Menschen Freiheit, Privatbesitz, lasst sie wenig Steuern zahlen und eine in der Religion fundierte Moral haben, fordern die Konservativen. Reichtum verpflichtet, der Staat muss sich um die Schwächsten kümmern, gesellschaftliche und internationale Institutionen sollten gestärkt werden, meinen die Liberalen. Die Amerikaner sind mobilisiert und polarisiert wie selten zuvor.

Doch erst musste die Opposition aus ihrem Koma erwachen. Bei den Vorwahlen Anfang des Jahres setzt sich John Kerry durch. Dem Senator aus Massachusetts fehlen zwar Charisma und Temperament, doch bei den Demokraten gilt er als am „wählbarsten“. Ein dekorierter Vietnamveteran, der für den Irakkrieg gestimmt hatte: Diese Kombination soll den Konservativen keine Angriffsfläche bieten. Ein Kandidat aus Kalkül, nicht aus Leidenschaft. Dann aber schlägt Kerry sich in den TV-Duellen hervorragend, in Umfragen liegen er und Bush oft Kopf an Kopf. Umso lauter ist der Jammer der Demokraten nach der Wahl: Über 58 Millionen stimmten für Bush, 3,5 Millionen mehr als für Kerry, acht Millionen mehr, als Bush vor vier Jahren bekommen hatte.

Auch viele Europäer sind schockiert. Sie wollten Kerry als Sieger. Doch Bush hat ein klares Mandat für seine Politik. Aus dem Ergebnis wird er nicht die Notwendigkeit ableiten, seinen Kurs zu revidieren. Mit Außenminister Colin Powell verlässt der letzte Realo die Regierung. Irak, Iran, Nahost, UN-Reform, Nordkorea: Die Liste möglicher Konflikte ist lang. Einziger Trost: Der Ton soll sich ändern. Europa und Amerika wollen einander respektvoller behandeln. Im Februar will Bush, als Teil einer „Charmeoffensive“, auch nach Deutschland reisen. Doch substanziell wird sich die US-Außenpolitik kaum ändern. Die nächste Krise kommt bestimmt.

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