Der Tagesspiegel : Olympiadorf von 1936: Rätselraten um Zukunft

Claus-Dieter Steyer

Elstal. Die Zukunft des Olympischen Dorfes von 1936 im westlich Berlins gelegen Elstal bleibt weiter spannend. Denn obwohl es Meldungen über den erneuten Verkauf des 55 Hektar großen Geländes gibt, schweigt der offensichtliche neue Eigentümer auf Fragen nach einem Konzept. Noch seien Einzelheiten zu klären, heißt es von der Demex Systembau GmbH, die in der Nachbarschaft ein Gewerbegebiet mit dem Designer Outlet Center Wustermark betreibt. Die Firma soll die Immobilie von der Deutschen Kreditbank (DKB) gekauft haben. Erst im Frühjahr war die Bank durch die Übernahme der Landesentwicklungsgesellschaft (LEG) Wohnen in den Besitz der Anlage geraten.

Selbst der Direktor des Amtes Wustermark, Horst Pohl, muss auf Fragen nach neuen Plänen für das alte Ensemble passen. "Größerer Wohnungsbau fällt wegen der schwachen Nachfrage wohl weg", meint er. "Es bleibt nur eine Nutzung für den Sport." Zu LEG-Zeiten waren noch "exklusive Wohnungen für Tausende Menschen" vorgesehen. Ins Speisehaus der Nationen sollten ein Kongresszentrum, ein Hotel oder eine Rehabilitationsklinik einziehen. Doch die fast zehnjährige Investorensuche endete kläglich.

Wer heute das eingezäunte Gelände an der Bundesstraße 5 betritt, begibt sich auf eine Zeitreise. Fritz Wandt vom Verein "Historia Elstal" ist einer der wenigen Zeitzeugen, die das Olympische Dorf in den verschiedenen Etappen erlebt haben. "Während der Spiele 1936 sammelte ich als Zwölfjähriger vor dem Empfangsgebäude Autogramme von den Sportlern", berichtet Wandt, der im benachbarten Dyrotz zu Hause ist. "60 Unterschriften sind heute eine kostbare Erinnerung." Beim nächsten Besuch 1944 besuchte er im Heimaturlaub seinen verwundeten Bruder, der in dem zum Lazarett umgewandelten Speisehaus behandelt wurde. Wieder einige Jahre später trugen die hier untergebrachten Soldaten die Uniformen der Sowjetarmee.

Fritz Wandt hat zum Spaziergang einen Hefter mit Fotos und Plänen mitgebracht. "Viele Bauten stehen nicht mehr, dafür sind andere nach dem Krieg dazugekommen." Alte Sichtachsen und Wege sind zerstört oder vollkommen überwuchert. Nur 20 von einst 135 Sportlerbungalows sind erhalten geblieben. "Im Haus Chemnitz sollen der Wundersprinter Jesse Owens und das Weitsprung-As Cornelius Johnson gewohnt haben", erzählt Fritz Wandt. Fotos zeigen die spartanische Ausstattung: zwei Betten, ein Tisch, ein Stuhl. Nicht viel komfortabler ging es im Speisehaus der Nationen zu. "Wenn wir hinein wollen, müssen wir durch ein geheimes Fenster klettern", schlägt Wandt vor. Die Orientierung in dem vierstöckigen Gebäude fällt nicht leicht. Die meisten Fenster sind vernagelt. Wir stolpern über Löcher im Beton, balancieren Treppen ohne Geländer entlang und entdecken an den Wänden Zeitungsseiten mit kyrillischen Buchstaben.

Beim Blick von der Terrasse zeigt sich die raffinierte Architektur des Speisehauses. Der Rundgang endet an einer renovierten Fassade. "Hier hat die LEG mal gezeigt, was man aus dem Haus machen könnte. Leider reichte das Geld nicht." Zwei Millionen Mark EU-Mittel kostete diese erste Instandsetzung.

Irgendwo muss der große Sportplatz mit einer Aschenbahn sein. Tatsächlich lugt zwischen Sträuchern und Gras ein schwarz-weißer Balken hervor. "Das war das Hindernis vor dem Wassergraben der Hindernisläufer", sagt Wandt. "Das dürfte noch original von 1936 sein."

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