Olympische Spiele : Wird Mini-Olympia eingeführt?

Es soll das Vermächtnis von IOC-Präsident Jacques Rogge werden, es ist aber auch ein großes Wagnis: Schon von 2010 an soll es "Olympische Spiele der Jugend" geben.

Günter Deister[dpa]

HamburgWenn das Internationale Olympische Komitee (IOC) in einer Woche die Winterspiele 2014 an Pyeongchang, Salzburg oder Sotschi vergibt, ist das Risiko kalkulierbar. Immerhin bescheinigt der IOC-Prüfbericht den Kandidaten aus Südkorea, Österreich und Russland beste Voraussetzungen. Dagegen stellt eine andere, weit reichende Entscheidung der 119. Vollversammlung in Guatemala-Stadt ein großes Wagnis dar. Die Session wird aller Voraussicht nach die Einführung von "Olympischen Spielen der Jugend" beschließen, einer Mini-Olympiade für 14- bis 18-Jährige als olympisches Zusatzangebot schon von 2010 an. Sie soll wesentlicher Teil einer globalen Kampagne sein, über die das IOC zusammen mit Regierungen 200 Millionen Schüler erreichen will. In der Aktivierung von Jugendlichen sieht Rogge die "neue Herausforderung für den Sport".

Das gut gemeinte, aber für Missbrauch anfällige Vorhaben von Mini-Spielen versteht Jacques Rogge als Vermächtnis seiner voraussichtlich bis 2013 reichenden IOC-Präsidentschaft. "Seit Beginn meiner Amtszeit 2001 habe ich an dem Projekt gearbeitet", hat der 65 Jahre alte Belgier in einem Interview mit der französischen Sportzeitung "L'Equipe" bekannt. Nun hat er sein Konzept fertig. Vor einem Monat hat ihm das Exekutivkomitee zugestimmt. Das Einverständnis der internationalen Fachverbände mit olympischen Sportarten liegt ebenfalls vor. Trotz mancherlei Bedenken scheint sicher, dass das Parlament der 111 persönlichen Mitglieder grünes Licht für den Rogge-Plan geben wird. Dabei spielt für die Olympia-Funktionäre auch die Loyalität zu ihrem Präsidenten eine Rolle.

Keine Nationalhymnen und Nationalflaggen

Die Mini-Spiele sollen 2010 mit der Sommerversion starten, gefolgt von Jugend-Winterspielen 2012. Geplant ist ein regelmäßiger Zwei-Jahres-Rhythmus wie bei den "großen" Spielen. Rogge will nur olympische Sportarten zulassen und eine "total olympische Umwelt" schaffen, mit einer Abweichung: "Um Nationalismus zu vermeiden, wird es keine Nationalhymnen und Nationalflaggen bei den Siegerehrungen geben, dafür die Olympiahymne und die Olympiaflagge." Gigantismus soll durch Begrenzung von Teilnehmern (3000 Jugendliche für Sommer-, 1000 für Winterspiele), Kosten (30 bis 40 Millionen Dollar für den Veranstalter) und die Nutzung bestehender Wettkampfstätten verhindert werden. "Wir brauchen keine neuen Infrastrukturen", sagt Rogge. Für die ersten Jugend-Sommerspiele will die IOC-Exekutive Ende 2008 die Stadt auswählen. Laut Rogge liegen Anfragen unter anderem aus Moskau und Singapur vor.

Der IOC-Präsident sieht in den Jugend-Spielen weniger eine Eliteveranstaltung mit Hochleistungscharakter, sondern in erster Linie eine Art moralisch-pädagogisches Trainingslager für Olympische Spiele. "Das Hauptziel ist, der Jugend eine erzieherische Basis auf der Grundlage olympischer Werte zu geben: Freundschaft, Fairplay, Ablehnung von Gewalt und jeder Art von Doping", sagt Rogge. Das ist der Wunsch und die Chance. Dagegen könnte die Wirklichkeit stehen und das Risiko: Die Eigendynamik, die eine solche globale Veranstaltung unter den Olympischen Ringen bekommen könnte mit Medaillenspiegel, noch früherem Dopinganreiz, weiter vorverlegtem Kinder-Drill und Termin-Überforderung.

Bach: "Leistungsdruck auf Jugendliche darf nicht weiter erhöht werden"

"Es wird sehr darauf ankommen, ganz deutlich zu machen, dass es keine Mini-Ausgabe Olympischer Spiele wird, der Preis darf nicht sein, eine Zweitausgabe zu schaffen", sagt IOC-Vizepräsident Thomas Bach und formuliert vorsichtig: "Wenn die inhaltlichen Vorgaben erfüllt sind, kann es dem Ziel dienen, die Jugendlichen näher an den olympischen Sport heranzuführen." Dieses Kann ergänzt der Rogge-Stellvertreter durch die Forderung: "Der Leistungsdruck auf Jugendliche darf nicht weiter erhöht werden. Sonst würde die Dopingproblematik noch früher einsetzen."

Um eine "Überfrachtung" des Terminkalenders zu vermeiden, sei eine Koordination mit den internationalen Verbänden "ganz wichtig", sagt Bach. Das dürfte nicht einfach werden, denn es geht nicht nur um Verschiebungen von Meisterschaften sondern auch um Streichungen. Die Verbände richten eine Vielzahl eigener Jugend-Meisterschaften aus, auf nationaler, kontinentaler und globaler Ebene wie beispielsweise der Internantionale Leichtathletik-Verband (IAAF) mit seiner U-18-Weltmeisterschaft. Und selbst ein Rogge-Produkt dürfte dann überflüssig sein. Als Präsident der europäischen Nationalen Olympischen Komitees hatte er 1991 die seitdem alle zwei Jahre ausgerichteten Europäischen Olympischen Jugendfestivals eingeführt.