Der Tagesspiegel : Oma und ich

Ich habe mich ziemlich gefreut, über meine Oma zu schreiben, denn ich verstehe mich sehr gut mit ihr. Doch als ich loslegen wollte, musste ich lange nachdenken, wie ich mein Verhältnis zu ihr am besten beschreiben kann. Das ist nämlich etwas komplizierter.

Da ich mit elf Jahren nach der Trennung meiner Eltern ein Jahr lang bei ihr gelebt habe, kenne ich sie recht gut. Ich glaube, aus dem Grund habe ich auch eine andere Beziehung zu meiner Oma als einige meiner Freunde oder Bekannten zu ihren Großmüttern. Da hört man oft, dass sich deren Omas ins Privatleben einmischen und vielleicht aus Fürsorge zu besorgt sind. Die Mädchen sollen sich dann nicht so freizügig anziehen, obwohl sie nur einen Rock und ein Top tragen.

Meine Oma hat noch nie etwas in der Art zu mir gesagt. Dadurch, dass sie mir meine Freiheiten lässt und mich nicht dauernd bemuttert oder kritisiert, hatte ich auch noch nie richtige Probleme mit ihr. Na klar habe ich mich in dem Jahr, in dem ich bei ihr gewohnt habe, auch mal mit ihr in die Haare gekriegt, aber nie ernsthaft. Ich gehe sie auch öfters besuchen. Dann reden wir nicht nur übers Wetter, sie erzählt mir auch aus ihrer Jugend. Ich finde ihre Erzählungen sehr bereichernd, weil sich die Jugendlichen damals im Grunde für die gleichen Dinge interessiert haben wie wir heute. Meine Oma hat mir schon ein paar Mal davon erzählt, wie sich die Jugendlichen von früher die Zeit vertrieben haben. Die sind auch abends weggegangen und hatten Spaß. So brav, wie man denkt, waren sie auch nicht immer.

Gerade weil meine Oma so eine lebendige Frau ist, kann ich mir nicht vorstellen, dass sie jemals in ein Altersheim gehen wird. Ich bin wirklich froh, dass sie fit genug ist, jeden Tag drei Stockwerke hoch- und runterzulaufen. Wenn sie diesen Artikel gelesen hat, wird sie mich bestimmt anrufen und mir sagen: „Mensch, bin ich eine liebe Oma!“Zoë Hyzdal, 18 Jahre

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