Oper : Die Stimme ihres Herrn

Gerlinde Pelkowski ist die Gralshüterin der Deutschen Oper. Jetzt inszeniert sie eine Freiluft-"Zauberflöte".

Frederik Hanssen
Gerlinde Pelkowski
Gerlinde Pelkowski -Foto: Rückeis

Für Berlin sind die Theater beinahe das, was die Zechen fürs Ruhrgebiet sind: Von den Menschen in der Region als Symbol des Selbstbewusstseins geliebt, brauchen sie staatliche Subventionen – und regelmäßig fordern Finanzpolitiker, mit der Alimentierung müsse mal Schluss sein.

Gerlinde Pelkowskis Vater hat sein Arbeitsleben unter Tage verbracht, damals in Essen. Auch seine Tochter verrichtet ihre Arbeit selten bei Tageslicht: Sie verbringt die Stunden im Dunkel des Zuschauerraums der Deutschen Oper. 1977 kam sie das erste Mal an das Charlottenburger Haus, um bei Götz Friedrichs Inszenierung von Guiseppe Verdis „Falstaff“ zu hospitieren. Ein Jahr zuvor hatte sie die Aufnahmeprüfung für den heiß begehrten Studiengang „Musiktheaterregie“ an der Hamburger Musikhochschule geschafft – und hier ihren Meister gefunden: Götz Friedrich eben, den Felsenstein-Schüler, DDR-Dissidenten, gefeierten Opernanalytiker und, seit 1974, Hamburger Professor.

Wie er die Stücke aus ihrem Inneren heraus inszenierte und die ollen Kamellen der Operngeschichte zu zeitgenössischen Werken machte, nicht mit politischem oder philosophischem Überbau, sondern indem er aus Sängern Schauspieler machte, die auf der Szene glaubhaft agierten und sich in jedem Moment über ihre Bühnengefühle im Klaren waren – das faszinierte Gerlinde Pelkowski. Bei diesem Partiturerwecker wollte sie in die Lehre gehen, seine Methoden begreifen. Es wurde ihre Lebensaufgabe. Eine Spielzeit lang arbeitete sie nach dem Studienabschluss am Kieler Theater, dann wurde Götz Friedrich 1981 Generalintendant in West-Berlin. Als das Angebot kam, in den Kreis seiner Regieassistenten einzutreten, zögerte sie keinen Moment.

Seit fast sieben Jahren ist Friedrich tot. Doch ein Repertoirebetrieb wie die Deutsche Oper hat ein Elefantengedächtnis. In der kommenden Spielzeit stehen 11 seiner Produktionen auf dem Spielplan; seinen legendären „Ring des Nibelungen“ aus den achtziger Jahren, den bewegenden „Eugen Onegin“ oder die zeitlose „Bohème“ kann man auch künftig zeigen. Bald wird Gerlinde Pelkowski die letzte im Haus sein, die dabei war, als diese Meisterinszenierungen entstanden.

Nein, leicht war die Arbeit mit Götz Friedrich nie, gibt Gerlinde Pelkowski zu, und das Strahlen in ihrem Gesicht verschwindet für einen Moment. „Man bekam selten Komplimente von ihm.“ Vor allem, wenn man eine Frau war. Als er nach vielen Jahren der Zusammenarbeit einmal durchblicken ließ, dass er ihre Art durchaus schätze, wie sie bei Wiederaufnahmen seiner alten Inszenierungen noch detailbesessener, noch konsequenter um Authentizität kämpfte als er selber, habe sie das schon sehr glücklich gemacht.

Natürlich kann sie sich nicht ausschließlich um den Nachlass jenes Mannes kümmern, der auf den Fluren der Deutschen Oper noch heute nur „der Chef“ heißt. Mit vier weiteren „Spielleitern“ ist Gerlinde Pelkowski in der Bismarckstraße für die Pflege des riesigen Repertoires zuständig, also muss jeder alles können. Aber keiner, so versichern viele, ist mit so viel Herzblut dabei wie Gerlinde Pelkowski.

„Der Märchenprinz hat auf sich warten lassen – darum ist dies hier mein Zuhause geworden.“ Wenn die blonde Endvierzigerin solche Sätze sagt, klingt das nicht verbittert. Dafür ist Gerlinde Pelkowski zu pragmatisch veranlagt. Und, trotz ihrer Ruhrgebietsherkunft, zu preußischpflichtbewusst. Den Traum von einer große Regisseurinnen-Karriere hat sie sich schon früh abgeschminkt: „Ich hätte so gut sein wollen wie mein Chef.“ Also wurde sie stattdessen die Stimme ihres Herrn. Sie selber nennt sich „Gralshüterin“.

Ohne Leute wie Gerlinde Pelkowski würde der Kulturbetrieb zusammenbrechen. Ohne all die namenlosen Assistenten, Privatsekretäre, Adlati, Faktoten, die dienstbaren Geister, die sich nicht vor den Mühen der Ebene scheuen, den genialischen Großmeistern stets zur Hand sind und ihnen die lästigen Alltagsdinge vom Leib halten. Ihre Kraft ziehen diese Jungs und Mädchen für alles aus dem Betrieb selber: Andere mögen im Rampenlicht stehen – hinter den Kulissen werden sie geliebt, von der ganzen Belegschaft, die nur allzugut um ihre Unverzichtbarkeit weiß.

„Meine Sänger sind mein Fanclub“, erklärt Gerlinde Pelkowski, vor allem Ensemblemitglieder, die sie als Greenhorns unter ihre Fittiche genommen und nicht nur mit den szenischen Dauerbrennern, sondern auch mit den Gepflogenheiten des Hauses vertraut gemacht hat. Zum Beispiel Künstler wie Markus Brück.

Der Bariton und Charlottenburger Publikumsliebling ist ihr großer Trumpf, wenn Gerlinde Pelkowski jetzt Mozarts „Zauberflöte“ in der Waldbühne inszeniert. Für den 7. Juli ist die Freiluft-Oper angesetzt, Veranstalter ist Peter Schwenkows Deutsche Entertainment AG, die sich immer mehr auf Klassik-Events spezialisiert und auch die Sommertourneen von Netrebko, Villazon und Lang Lang organisiert. Es muss also bombastisch werden, mit Feuerartisten, Breakdancern und leuchtenden Pyramiden.

Schon die Bühne des Amphitheaters ist mit 50 Metern mehr als doppelt so breit wie in der Deutschen Oper, zudem wird eine zehn mal zwanzig Meter große Fläche bespielt, wo sonst die VIP-Stühle stehen. Mozarts Meisterwerk dauert dreieinhalb Stunden. Und Gerlinde Pelkowski hat genau drei Probentage vor Ort. So etwas schaffen nur gestandene Regieassistenten. Mit etlichen Ensemblemitgliedern kann sie zum Glück schon vorarbeiten, auch mit Markus Brück, der den Papageno spielt.

Wenn dann die Stars anreisen, Matti Salminen, Genia Kühmeier und Charles Castronovo, wird Pelkowski sie so präzise wie möglich und so schnell wie nötig in ihre Rollen einweisen, so wie sie das seit drei Jahrzehnten gewohnt ist. Und wenn Dirigent Sir Andrew Davis dann den Taktstock hebt, wird sie wie immer irgendwo am Bühnenrand stehen, als guter Geist, der im Notfall eingreifen kann.

Als im vergangenen Dezember der Auftrag für die „Zauberflöte“ kam, stieg Gerlinde Pelkowski zusammen mit ihrem Bühnenbildner Thomas Gabriel in die Tiefen des Theaterfundus’, weil ihr Etat nicht für eine komplette neue Ausstattung reicht. Und da fanden sie den idealen Hingucker für das Waldbühnen-Spektakel, den krakenartig seine Wurzeln von sich streckenden Stamm der tausendjährigen Eiche aus Götz Friedrichs „Falstaff“, eben jener Inszenierung, bei der Gerlinde Pelkowski 1977 zum ersten Mal ihre Deutsche Oper kennengelernt hat. So schließen sich Kreise.

Informationen zur „Zauberflöte“ am 7. Juli in der Waldbühne unter der Telefonnummer 01805 / 969 000 555 oder im Internet unter www.deag.de