Oranienburg : Das Leben mit der Bombe

Wieder wurde ein Blindgänger in Oranienburg gesprengt. 350 sollen noch im Boden liegen. Der Bürgermeister Hans-Joachim Laesicke bittet um Hilfe von Land und Bund.

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Wenn sie ihre Töchter auf dem Rad davonfahren sieht, dann gibt ihr das immer einen Stich in die Brust. Mütter nehmen nicht gern Abschied, sagt Isabelle Wollny*, ganz egal, wohin ihre Kinder unterwegs sind, wer sie begleitet oder wie lange sie weg sein werden. „Passt gut auf euch auf“, ruft sie Tanja und Tabea hinterher, als die beiden zum Ballett aufbrechen. Es ist mehr als eine Floskel – es ist Wollnys Beschwörungsformel. An die Bomben denkt sie dabei nicht.

Wer sehr wohl daran denkt, ist die Großmutter. „Ihr seid verrückt, dass ihr in dieser Stadt lebt“, schimpft die gebürtige Jugoslawin, wenn sie anruft. Sie sagt das, seit die Wollnys nach Oranienburg gezogen sind, aber jetzt, nach dem Unglück in Göttingen, tut sie es fast jeden Tag. Der Blindgänger, der dort Ende Juni drei Menschen in den Tod riss, hat ihren schrecklichsten Fantasien Nahrung gegeben. Sie sei nicht nach Deutschland gekommen, um ihre Enkel in einer Gefahrenzone aufwachsen zu sehen, klagt die alte Frau am Telefon.

Oranienburg ist eine Stadt wie aus dem Bilderbuch. Das viele Grün und das Wasser, das Schloss und die Häuschen, die Nähe zu Berlin, all das schätzen Wollnys sehr. Kultur- und Freizeitangebot sind umfangreich. Wo einst graue Kriegsruinen standen, strahlen heute in Pastellfarben getauchte Straßenzüge. Einzig die Gedenkstätte Sachsenhausen erinnert an die Vergangenheit, an die beiden Konzentrationslager, von denen das KZ Oranienburg eines der ersten überhaupt gewesen ist. Und die Bomben natürlich. Bis zu 350 sollen es sein, die noch funktionsfähig sind. Sie schlafen in der Erde, keiner weiß, wo genau.

Wäre das Stadtgebiet ein alter Truppenübungsplatz, sagt Oranienburgs Bürgermeister Hans-Joachim Laesicke (SPD), hätte man längst einen Sperrzaun darum gezogen. Er sitzt in seinem Amtszimmer im Oranienburger Schloss, vor sich eine Stadtgrafik, neben ihm sein Referent. Dies ist nicht das erste Mal, dass Laesicke für die Medien die Bombenproblematik erläutert. Neben der Landesgartenschau 2009, die einer dreijährigen Vorbereitung bedurfte und nun als ständige Gartenschau weitergeführt wird, ist die Blindgängersuche sein eines, ihn ewig in Atem haltendes Thema. An der Wand hängen Bilder, die ihn mit dem sogenannten Kampfmittelbeseitigungsdienst der Polizei zeigen, Laesicke Hände schüttelnd und Blumensträuße überreichend. Die Sprengmeister kennt er inzwischen ziemlich gut.

Ursache dafür, dass Oranienburg im Zweiten Weltkrieg wie keine zweite deutsche Kleinstadt unter Beschuss genommen wurde, war die damals dort ansässige Rüstungsindustrie. Luftbilder, die den Alliierten zur Erfolgsauswertung dienten, stellen heute eine wichtige Quelle für die Munitionssuche dar. Rund 10 000 Großbomben wurden 1945 über Oranienburg abgeworfen, 4000 davon mit chemischem Langzeitzünder, sie sollten erst Tage nach dem Aufprall detonieren. Viele von ihnen haben das bis heute nicht getan. Etwa 130 Blindgänger haben Sicherheitsbeamte in den letzten 30 Jahren entschärft. Zu DDR-Zeiten wurden solche Funde nicht dokumentiert, systematische Suchen gab es nicht. Die Altlasten des Krieges wurden schlichtweg ignoriert.

Die Grafik, erstellt nach einem Gutachten von Professor Wolfgang Spyra von der Technischen Universität Cottbus, teilt die Stadt in zehn Gefahrenstufen ein. Grün ist nur der Umkreis der KZs markiert, als Gefangenenlager wurden diese von den alliierten Bombern verschont. Tiefdunkelrot, das ist Gefahrenzone zehn, ist der ganze Innenstadtbereich. Seit kurzem ist er deshalb für den Schwerlastverkehr gesperrt. Spyras Gutachten liegt dem Brandenburger Innenministerium bereits seit zwei Jahren vor, handlungswirksam allerdings wurde es erst nach dem Vorfall in Göttingen. Erst seitdem sind die Zahlen öffentlich bekannt.

Bürgermeister Laesicke hat seine Munitionssucher entgegen dem Rat des Sachverständigen nicht zuerst durch das städtische Zentrum geschickt, sondern in die örtlichen Kindergärten, Krankenhäuser und Schulen. Den Bomben, sagt Laesicke, sei es wohl egal, welcher Gefahrenzone sie zugeordnet würden. Darum habe er lieber seine eigenen Prioritäten gesetzt. So oder so fühlt sich der 56-Jährige mit der ganzen Sache ziemlich alleingelassen. Wenn Brandenburgs Ministerpräsident, Parteifreund Matthias Platzeck, Laesicke auf die Schulter klopfe und sage: „Bürgermeisterchen, du machst das schon“, dann sei das nicht eben hilfreich für ihn.

Was Oranienburg am dringendsten braucht, ist Geld. Zweieinhalb Millionen hat Laesicke gerade erkämpft, das reicht bei Weitem nicht. 420 Millionen Euro koste allein die Räumung der Innenstadt. Aufgrund der knappen finanziellen Mittel komme die Munitionssuche viel zu langsam voran. Denn selbst ohne Einwirkung von Außen kann es passieren, dass eine Bombe detoniert.

Über mögliche Folgen möchte Laesicke nicht spekulieren. Er wolle auch keine Hysterie auslösen, dennoch sagt er: „Es ist höchste Eisenbahn.“ Dass Innenminister und Landtagsabgeordnete zu all dem bis dato eine, wie Laesicke es nennt, „so laxe Haltung“ haben, liege wohl daran, dass es in Oranienburg, anders als in Göttingen, noch keine Toten gegeben hat. Immerhin: Dreimal ist es nach der Wende schon zu unkontrollierten Detonationen gekommen. An die erste, 1991 im Ortsteil Lehnitz, erinnert sich eine Anwohnerin noch genau.

„Der Lehnitzer Karnevalsclub“, sagt Andrea Fünfhaus und zeigt auf ein Vereinsplakat, das an ihrer Bürotür klebt, für den hätten sie geprobt an jenem Nachmittag. Als sie dann nach Hause kamen, ihr Mann, die drei Kinder und sie, hätten sie schon von Weitem das Blaulicht gesehen. Und das Loch, mitten in der Fahrbahn. Ein Haus war in Mitleidenschaft gezogen worden, „völlig in sich zusammengesackt war das“, sagt Fünfhaus, ernsten Schaden genommen hatte niemand. Ein seltsames Gefühl sei es trotzdem gewesen, mit der Familie am Rande des Kraters zu stehen.

In einem Ordner bewahrt Fünfhaus alte Zeitungsberichte auf. „Das gefährlichste Dorf Deutschlands“ steht auf einem, auf den sei sie „fast ein bisschen stolz“. 15 Evakuierungen hat die 52-Jährige mitgemacht, nicht weiter besonders in Oranienburg. Nur für die Kinder sei das stets ein Abenteuer. Wie das so ablaufe? Man klemme sich eben seine Ausweise, ein paar Fotos und das Lieblingskuscheltier unter den Arm – und kehre am Abend in die Wohnung zurück.

Sechs Evakuierungen hat es in diesem Jahr schon gegeben, die letzte am gestrigen Freitag, als eine auf dem Gelände des ehemaligen Flugplatzes entdeckte, nicht entschärfbare Bombe gesprengt werden musste. Angst davor, am Ende des Tages obdachlos zu sein, hätten die Betroffenen eigentlich nie, sagt Fünfhaus. Bisher sei ja immer alles gut gegangen.

Wer keinen Platz zum Bleiben hat, kann im Kulturhaus ausharren, dort, wo auch der Karnevalsverein seinen Sitz hat. „Meist kommt kaum jemand“, sagt Fünfhaus, die Menschen hätten feste Verabredungen mit Freunden oder Verwandten, bei denen sie im Falle eines Falles vor der Tür stünden. Die Gelegenheit, sich zu revanchieren, kommt bestimmt. Einmal haben sie bei Freunden Geburtstag im Garten gefeiert, als die Feuerwehr zur Räumung aufrief. Nachbarn hatten unter ihrer Garage eine 500 Kilogramm schwere Bombe entdeckt. Die Gäste von Auswärts hätten panisch die Flucht ergriffen, erzählt Fünfhaus, für Oranienburger sei das Alltag. Es würden ja ständig irgendwo Haltestellen verlegt oder Turnhallenböden durchbohrt. Schwungvoll klappt sie ihren Ordner zu. „Wir wohnen nunmal hier. Keines meiner heute erwachsenen Kinder hatte je das Bedürfnis, wegzugehen.“

Tatsächlich gab es im Vorjahr 500 Zuzüge in die Stadt, in der derzeit 42 000 Einwohner leben. Wer im Landkreis Oberhavel ein Grundstück erwirbt, um sich darauf den Traum vom Eigenheim zu erfüllen, muss es zunächst auf Kampfmittel untersuchen lassen – und trägt die Kosten für das Unternehmen selbst. Auch die Wollnys hatten ursprünglich vorgehabt, am Stadtrand ein Haus zu bauen. „Wir waren ohnehin stark am Limit“, sagt Isabelle Wollny, „als dann noch 15 000 Euro für die Munitionssuche dazukommen sollten, wurde uns das in der Summe zu viel.“ Stattdessen sind sie in das Erdgeschoss eines frisch renovierten Altbaus gezogen. Wenige Meter vom Bahnhof entfernt, Gefahrenstufe zehn.

Die Oranienburger glauben an ihren Bürgermeister. 1993 haben sie ihn gewählt und erst kürzlich für weitere acht Jahre im Amt bestätigt. Bürgerinitiativen haben sich zum Thema Blindgängersuche bislang nicht formiert, Laesicke werde das schon richten, sagen die Menschen, wenn man sie auf die Problematik anspricht. Der Politiker weiß das Vertrauen zu schätzen, trotzdem, sagt er, mache er sich Sorgen. „Das hier ist ein Wettlauf gegen die Zeit.“ Endlich müsse auch der Bund zur Verantwortung gezogen werden, der nämlich bezahlt die Entschärfungen nur, wenn das Kampfmittel „reichseigen“ ist. „So was Absurdes.“ Laesicke tippt sich an die Stirn. Dass deutsche Bomben auf deutschem Grund liegen, sei ja wohl äußerst selten der Fall.

Wichtig sei doch, dass die Menschen wieder sicher seien, sagt Laesicke. Damit endlich die Ruhe einkehrt, die Oranienburg verdient. Solange aber alle weitermachten wie bisher, könne jede Minute eine Bombe hochgehen. Und darauf, Glück im Unglück zu haben, sei niemand abonniert.*Name geändert

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