Organspende : Tolerante Körperabwehr

Designer-Antikörper schützt transplantierte Organe. Es soll verträglicher sein als bisherige Methoden.

Ulrike Gebhardt

Wer mit dem Organ eines anderen Menschen lebt, muss lebenslang Medikamente einnehmen, die das eigene Immunsystem hemmen. So wird verhindert, dass die Körperabwehr das fremde Gewebe angreift und abstößt. Moderne „Immunsuppressiva“ wirken zwar oft gezielt auf einzelne Akteure der Körperabwehr, schwächen sie aber immer noch so, dass die Patienten häufig von ungewöhnlichen Infekten und Tumorerkrankungen betroffen sind.

Auf der Suche nach verträglicheren Wegen, ist das Team von Bernard Vanhove vom französischen Forschungsinstitut INSERM in Nantes nun einem medizinischen Traum ein Stück näher gekommen: Mit Hilfe eines Antikörpers gelang es, die Immunabwehr von Affen nach der Übertragung von Niere oder Herz zur Annahme des fremden Organs zu bewegen.

Nach einer Organübertragung ganz ohne Immunsuppressiva auszukommen, ist bisher nur in wenigen Fällen nach einer kombinierten Transplantation des benötigten Organs zusammen mit Knochenmark desselben Spenders gelungen. Doch diese Variante fordert einen hohen Preis, da das eigene Knochenmark des – möglicherweise ohnehin geschwächten – Organempfängers zuvor durch Chemotherapie von eigenen Blutvorläuferzellen befreit werden muss, damit die Spenderzellen hier Platz finden.

Die französischen Forscher beschritten nun einen eleganteren Weg. Sie zielten bei ihren Experimenten auf eine Gruppe von Immunzellen, die T-Zellen, die als Hauptakteure nach einer Transplantation über Annahme oder Abstoßung des Organs entscheiden. Diese T-Zellen werden nach dem Kontakt zu einem Fremdmolekül aktiviert, brauchen aber, um in Aktion zu treten, noch ein weiteres Signal. Dieses erhalten sie von anderen Immunzellen über zwei verschiedene „Schalter“ auf ihrer Zelloberfläche. Wird dabei überwiegend ein Aktivierungshebel, das Molekül CD28, umgelegt, vermehrt sich die T-Zelle rasch undgeht in einen angriffslustigen Zustand über. Wenn dagegen das Molekül „CTLA-4“ bedient wird, reagiert die T-Zelle gebremst. Sie kann sich dann sogar aktiv dafür einzusetzen, dass das erkannte Antigen toleriert wird.

Das Team von Vanhove führte Nieren- oder Herztransplantationen an Affen durch. Eine Gruppe der Tiere erhielt danach das Immunsuppressivum Tacrolimus, das auch Menschen häufig nach Organtransplantationen bekommen. Bei der Hälfte dieser Affen blieben die Spendeorgane über drei Monate intakt, wurden aber erwartungsgemäß abgestoßen, sobald die Tacrolimus-Behandlung eingestellt worden war. Bei den Tieren dagegen, die mit einer Kombination aus Tacrolimus und dem neuen Antikörper, der den Aktivierungsschalter CD28 auf den T-Zellen blockiert, behandelt wurden, bot sich ein anderes Bild. Keines der Organe wurde von den Immunzellen der Empfängertiere angegriffen, auch dann nicht, wenn der CD28-Antikörper nach knapp vier Wochen und Tacrolimus nach etwa drei Monaten abgesetzt wurden.

Weil das CD28-Signal ausbliebe, gelänge es, die Anzahl solcher T-Zellen zu erhöhen, die sich für die Tolerierung des Spendergewebes einsetzten, vermuten die französischen Forscher. Bei dem einen oder anderen könnte sich angesichts eines klinischen Einsatzes von CD28-Antikörpern jedoch Unbehagen einstellen. Gerieten doch Antikörper gegen genau diesen Aktivierungsschalter vor vier Jahren in die Schlagzeilen: bei einem klinischen Test in England waren alle sechs Testpersonen nach der Verabreichung von „TGN1412“, der für einen Einsatz bei Autoimmunkrankheiten gedacht war, an einem Multiorganversagen erkrankt und auf der Intensivstation gelandet. T-Zellen waren fälschlicherweise massenhaft aktiviert worden, was in einem sogenannten Cytokin-Sturm endete.

Eine solche Fehlreaktion wird jedoch für den CD28-Antikörper, den die Franzosen jetzt entwickelt haben, ausgeschlossen. Es handelt sich dabei um ein „verstümmeltes“ Molekül, das durch die Bindung den CD28-Schalter lediglich blockiert aber über ihn keine Aktivierung herbeiführen kann. Die CD28-Blockade sei ein elegantes Konzept, um die Immunabwehr in Richtung Toleranz zu lenken, sagt auch Transplantationsspezialist Thomas Fehr von der Klinik für Nephrologie am Universitätsspital Zürich. Allerdings bleibe abzuwarten, ob sich der fein austarierte Zustand auch dann halte, wenn bei einer Infektion die Körperabwehr herausgefordert wird und dabei der Pegel an Entzündungsstoffen im Körper ansteige.Ulrike Gebhardt

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