Der Tagesspiegel : Orthodoxe Mönche ziehen in die Uckermark

In Götschendorf entsteht das erste Kloster der russischen Kirche in Westeuropa Der Umbau des früheren Schlosses soll bis Ende 2008 abgeschlossen sein

Andreas Voigt

Götschendorf - Lange Zeit war Schloss Götschendorf ein reichlich gottloser Ort. In der DDR diente das 1300 Quadratmeter große Haus zwischen Templin und Angermünde in der Uckermark als Tagungsstätte für SED-Funktionäre des Bezirks Frankfurt (Oder). Nach dem Mauerfall wurde es noch bis 1993 als Pension genutzt, seither stand das spätklassizistische Anwesen leer und verfiel zunehmend. Dabei liegt es, umgeben von einem vier Hektar großen verwilderten Park, geradezu idyllisch am Kölpinsee. Und bald soll in den maroden Prachtbau auch wieder neues Leben einziehen. Gut eine Autostunde von Berlin entfernt entsteht hier das erste Kloster der russisch-orthodoxen Kirche in Westeuropa.

Die ersten der rund dreißig Mönche der Berliner Diözese werden für Anfang nächsten Jahres in Götschendorf erwartet. „Für sie wird gerade das ehemalige Dienstbotengebäude auf dem Schlossgelände hergerichtet“, sagt Norbert Kuchinke, der Initiator. Aus dem Schloss selbst soll nach dem Umbau ein Klosterhotel werden. Den Mittelpunkt der Anlage, zu der auch eine Gärtnerei und ein Restaurant gehören sollen, werde aber eine 27 Meter hohe Kirche bilden, die ebenfalls bereits im Bau ist. „Ende 2008“, so hofft Kuchinke, „wird das Kloster dann seinen Betrieb aufnehmen.“ Ihm schwebt über den Klosterbetrieb hinaus „ein Zentrum der Begegnung“ vor, der Begegnung insbesondere zwischen der katholischen und der russisch-orthodoxen Kirche. Beide Konfessionen hätten viel mehr Gemeinsamkeiten als allgemein angenommen, sagt Kuchinke.

Der 67-Jährige kennt beide Welten. Klöster und Mönchschöre faszinierten den gebürtigen Schlesier und gläubigen Katholiken schon als Kind. Später arbeitete er in Moskau als Russlandkorrespondent, unter anderem für den „Spiegel“. Noch heute ist er tief beeindruckt von der ersten Ikonen-Liturgie, die er in einem russisch-orthodoxen Kloster nahe Moskau 1964 erlebte. „Der Gesang von 60 Mönchen, das war wie eine große religiöse Oper.“ Kuchinke hat die Begeisterung für den orthodoxen Ritus der Gottesdienstfeier bis heute nicht losgelassen. Seitdem versucht er immer wieder, Brücken zwischen der katholischen und russischen Kirche zu spannen.

Nachdem der seit 2003 in Berlin lebende Journalist und Autor von zahlreichen Russlandbüchern das Moskauer Patriarchat – die Führung der russisch-orthodoxen Kirche – für seine Idee gewinnen konnte, kaufte deren Berliner Diözese Ende 2006 das Schloss dem Land Brandenburg für einen symbolischen Betrag von einem Euro ab. „Allerdings mit der Auflage, mindestens vier Millionen Euro in das Projekt zu investieren“, sagt Kuchinke, der die Gesamtkosten für die Klosteranlage auf sechs bis sieben Millionen Euro beziffert. Bezahlen werde ein Unternehmen aus der russischen Metallindustrie als Sponsor.

In dem 200-Seelen-Dorf Götschendorf sieht man dem Klosterprojekt dennoch nicht unbedingt enthusiastisch entgegen. „Die Reaktionen auf das Kloster sind eher verhalten“, sagt Klaus-Christian Arndt, der Bürgermeister der zuständigen Gemeinde Milmersdorf. Zwar hat Kuchinke den mehrheitlich atheistischen Bewohnern im Vorfeld der Umbauten einen Film über das einfache Leben in einem russischen Kloster gezeigt und ordentlich die Werbetrommel für sein Projekt gerührt. „Doch den meisten fehlt der Bezug zu dieser ihnen unbekannten spirituellen Welt“, vermutet Arndt.

Gleichwohl sieht der Bürgermeister das zukünftige „Sankt-Georg-Kloster“ als Chance für die kleine Gemeinde. „Erst einmal schafft es Arbeitsplätze. Und vielleicht wird es ja – wie Kuchinke immer wieder betont – tatsächlich ein touristischer und kultureller Anziehungspunkt“, hofft der Bürgermeister.

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