Der Tagesspiegel : Oskar sendet nur für Nachbarn

TOBIAS ARBINGER

27 Mini-Fernsehstationen sind in Brandenburgs Städten und Dörfern zu empfangenVON TOBIAS ARBINGER FÜRSTENWALDE.Noch 35 Minuten bis zur Sendung.Juliane kurbelt an einem kleinen Regler auf dem Mischpult.Im Zeitraffertempo huschen Bilder über den Monitor.Eine Art Mäusegepiepse erfüllt den mit Geräten und Regalen vollgestopften Schnittraum.Die Zeit drängt, die 25jährige Moderatorin hilft Frauke dabei, ihren Beitrag fertigzuschneiden: In dem Feature über eine von der Schließung bedrohte Postfiliale fehlen noch ein paar "O-Töne".Einen Stuhl weiter gibt Techniker René, 22, Inserts - Namens-Einblendungen - in einen Computer ein.Vor der Tür wartet schon Matthias, der noch eine Nachricht bearbeiten muß. Die Hektik kurz vor der Übertragung von Oskar-TV unterscheidet sich nicht von der in großen Fernsehanstalten.Im Gegensatz zu Sat 1 oder ZDF sind die Reporter, Kameramänner, Cutter und Moderatoren des Regionalsenders in Fürstenwalde (Oder-Spree) jedoch ausschließlich Studenten, die hier Berufspraxis sammeln.Für Frauke ist es der zweite Tag in dem Studio im Parterre eines alten Wasserturms, einer Mischung aus Kleinkunst-Bühne und WG-Wohnzimmer.Den Kurs "Kamera/Schnitt", der die 29jährige Berlinerin für das dreimonatige Praktikum rüsten soll, hat sie noch vor sich. Zweimal in der Woche schickt der "Oder-Spree-Kanal - aktuell und regional" (Oskar) sein Info-Programm life ins Kabelnetz von Fürstenwalde und den umliegenden Gemeinden.27 000 Menschen erreicht es nach Angaben von Rainer Lotz, 55, Chefredakteur, Geschäftsführer und Programmdirektor des kleinen Senders.Fünfmal am Tag wird das aufgezeichnete Programm wiederholt.Dazwischen läuft eine Kabelzeitung, im 13-Sekunden-Takt wechselnde Standbilder mit Werbung, Veranstaltungstips und Öffnungszeiten. Drei Minuten vor Sendebeginn.Baustellenlampen tauchen die Studiokulisse in gleißendes Licht: Blaue Röhren und eine gelbe Wand, aus Sperrholz selbst gebastelt, knallig wie bei "Stern-TV" oder einst "Zack".Juliane, braune halblange Haare, Kord-Hose, Ringel-T-Shirt und Brille geht ihre Karteikärtchen durch.Sie probt Moderationen, verhaspelt sich, flucht, schnipst mit den Fingern.Lotz bedient die Kamera."Und ab", brüllt René aus dem Schnittraum.Auf dem Bildschirm erscheint der Oskar-Trailer, dazu erklingt ein Ausschnitt aus den Brandenburgischen Konzerten.Dann ist Juliane zu sehen: "Willkommen ...life aus dem Wasserturm". 27 sogenannte "Stadtkanäle" sind in Brandenburg seit der Wende enstanden.Zusammen erreichen sie mehr als 400 000 Haushalte.Mikro-Anbieter wie der "Neupetershainer Informations- und Kulturkanal" mit 512 Anschlüssen und Branchengrößen wie der "Television Cottbus GmbH" (58 000 Haushalte) versuchen zumindest auf ihren regionalen "Kabelinseln" mit "Neuigkeiten rund um den Kirchturm" - so Susanne Grams von der Landesmedienanstalt - neben ARD und CNN zu bestehen.Voraussetzung für die Sendelizenz: ein glaubwürdiges Konzept und ein Programm, das weder gegen Jugendschutz noch Verfassung verstößt. Mit 120 000 Mark habe er Oskar-TV vor zweieinhalb Jahren gestartet, erzählt Rainer Lotz, bis zur Wende künstlerischer Leiter an der Filmhochschule Babelsberg."No-Budget" für Fernsehverhältnisse und gerade einmal ausreichend für drei relativ billige halbprofessionelle SVHS-Kameras und den Schnittplatz.Die Einnahmen von Werbekunden wie dem "Autohaus Nord", "Elkes Top-Reinigung" oder "Fleischer Franke" deckten gerade einmal die Betriebskosten.Bezahlte Redakteure könne sich Oskar-TV noch nicht leisten, sagt Lotz. Fraukes erster Beitrag läuft.Eine Rentnerin und ihr behinderter Mann erzählen von ihrem Alltag, der ohne die nahe Postfiliale viel beschwerlicher würde.Das Bild ist etwas wackelig, die Stimme der Studentin aus dem Off klingt ungeübt.Kameraschwenks, Totalen, Interviewsequenzen sind hingegen, wie man es von den Profis kennt.Anschließend wieder eine Moderation von Juliane.Die junge Frau kommt ins Stocken, einmal verspricht sie sich.Ein "Nachrichtenblock" erlöst die Moderatorin: "Die Sparkasse Oder-Spree wurde 150 Jahre alt." Es folgt Werbung: Wieder die Sparkasse. Die Sendungen von Oskar-TV bewegten etwas in der Fürstenwalder Lokalpolitik, sagt Juliane nach der Sendung.Zum Beispiel, wenn die Autoren von "Nachgefragt" einen Finanzbeamten interviewen, der von einem Zuschauer angeblich zu viel Steuern verlangt hat.Oder, wenn es um das "Fürstenwalder Loch" geht, die Baugrube am Rathaus, über der schon vor Jahren ein Kaufhaus entstehen sollte. Auch, als 1996 Skinheads über Döner-Verkäufer herfielen und Jugendliche der Kirchengemeinde drangsalierten, war Oskar-TV dabei.Ein Rechtsextremismus-Experte, Lokalpolitiker und ganz normale Leute seien in einer Sondersendung zu Wort gekommen, erzählt Juliane.Oskar wolle Fürstenwalde aber nicht als rechte Hochburg "abstempeln".Überhaupt falle die Kritik des Senders moderater aus als es bei überregionalen Medien üblich sei."Was zählt, ist nicht immer die harte Nachricht", sagt Juliane."Manchmal wollen die Leute einfach nur ihre Bekannten im Fernsehen sehen."

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