Der Tagesspiegel : Ossietzky-Medaille: Hysterie

Frank Jansen

Der Fall scheint ein Rechenbeispiel zu sein: Die Addition "Asylbewerber plus Drogenhandel plus Menschenrechtsmedaille" ergibt einen Skandal. Zumindest erweckt ein Teil der Reaktionen auf die Verleihung der Carl-von-Ossietzky-Medaille den Eindruck, die Brandenburger Flüchtlingsinitiative insgesamt solle diskreditiert werden. Dass ihr Sprecher Christopher Nsoh wegen Drogenhandels verurteilt wurde und nun mit weiteren Flüchtlingen die Auszeichnung erhielt, ist offenbar Grund genug für Hysterie. "Bild" zitierte Rathenows Bürgermeister Hans-Jürgen Lünser mit den Worten, "erst hat Nsoh den Ruf unserer Stadt ruiniert. Nun hat er alle getäuscht" - als habe es die von Nsoh beklagten Angriffe rechter Schläger nie gegeben. Dann schrieb die "Märkische Allgemeine Zeitung", Lünser "hoffe", dass es nicht "kurzfristig zu Übergriffen auf das Asylbewerberheim kommt". Wurde der Politiker korrekt zitiert, muss er sich vorhalten lassen, eine üble Stimmung zu schüren - nach dem Muster von Hoyerswerda und Rostock.

Natürlich wäre es besser gewesen, Nsoh hätte den Bühnenauftritt bei der Medaillen-Verleihung unterlassen. Außerdem hat eine Zeitung schon im Oktober über Nsohs Strafe berichtet - die Internationale Liga für Menschenrechte hätte die zwei Monate bis zur Medaillenverleihung nutzen können, sich zu dem Fall zu äußern. Aber alles, was nun der Liga, Christopher Nsoh und auch einem Mitglied der gleichfalls ausgezeichneten "Opferperspektive" angelastet wird, ändert nichts an dem grundsätzlichen Sachverhalt: Die Verdienste der Flüchtlingsinitiative und des Vereins, der sich um Opfer rechter Gewalt kümmert, sind unbestreitbar. Gerade dieses Engagement ist im Sinne von Carl von Ossietzky, der sich gegen staatliche Willkür und Naziterror gewehrt hat. Wer die Medaillenverleihung anders interpretiert, muss sich fragen lassen, ob er Ressentiments verstärken will.

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