Der Tagesspiegel : Ostermarsch ganz familiär

CLAUS-DIETER STEYER

3000 Personen demonstrierten gegen die militärische Nutzung der Wittstocker HeideVON CLAUS-DIETER STEYER FRETZDORF.Auch in diesem Jahr sind wieder mehrere tausend Personen dem Aufruf der Bürgerinitiative "Freie Heide" gefolgt, zu Ostern für eine friedliche Zukunft des ehemals russischen Truppenübungsplatzes Wittstocker Heide zu demonstrieren.In erster Instanz hatte das Potsdamer Verwaltungsgericht 1996 der Bundeswehr die Weiternutzung des nach Kriegsende von der sowjetischen Armee konfiszierten Übungsplatzes gestattet, doch in drei Orten förmliche Planungsverfahrungen gefordert.Sowohl die Bundeswehr als auch die Gemeinden und Privatpersonen, die Klage gegen die militärische Nutzung eingereicht hatten, lehnten das Urteil ab.Wegen Personalmangel wird eine Entscheidung des angerufenen Brandenburger Oberverwaltungsgerichtes erst im kommenden Jahr erwartet. Auf dem Ostermarsch - obwohl die Veranstalter in der Einladung das Wort vermieden; es sollte eine Osterwanderung an die Grenze des 80 Kilometer nördlich von Berlin gelegenen Sperrgebietes werden - geht es seit Jahren sehr familiär zu.So backen Frauen zwei Tage vorher Dutzende Bleche Kuchen oder Torten aller Art, während ihre Männer die Freiwillige Feuerwehr zu Ordnungsdiensten und zum Ausfahren ihrer großen Drehleiter für die Fernsehteams überreden.Kinder üben Kunststücke ein, Musikgruppen üben ein Repertoire zwischen Volksweise und hartem Rock ein und den Zug der 3000 Teilnehmer führen zwei mit Protestplakaten geschmückte Ponys an. Das Konzept der örtlichen Pfarrer und Bürgermeister ging auch in diesem Jahr auf: Ein fröhlicher Zug gutgelaunter Leute zog von der Kirche im kleinen Fretzdorf bei Wittstock zum Festplatz mit vielen Ständen für Kuchen, Bratwurst und politischen Informationen aller Art.Doch letztere waren nicht so wichtig.Denn die Leute wissen, warum sie sich am Ostersonntag auf den Weg gemacht hatten: Sie sind gegen die Fortsetzung des Übungsbetriebes mit Tiefflügen durch die Bundeswehr über das 142 Quadratkilometer große Gelände zwischen Neuruppin, Rheinsberg und Wittstock.Dieser belaste die Gesundheit, verschlechtere das Image für den Tourismus und sei ohnehin nach Ende des Kalten Krieges unnötig.So stand es jedenfalls auf den Plakaten. Da hatten es Profitprofis aus dem Westen an den Mikrofonen schwer.Ihre Reden vom Wahlkampf und einer Hoffnung auf ein Kabinett Schröder/Fischer wurden zwar geduldig ertragen, doch starker Beifall regte sich nur bei den einheimischen Rednern.Annemarie Friedrich beispielsweise, die mit 80 Jahren als die "gute Großmutter" des Widerstandes gegen das sogenannte Bombodrom gilt, überzeugte mit einfachen Worten.Sie erzählte von der sozialen Not im Landkreis.Hier könne das Geld für die gerade beschlossenen Eurofighter viel nutzbringender eingesetzt werden.Fretzdorfs Bürgermeister Hans-Dieter Horn sprach davon, daß es den großen Gegner von einst doch nicht mehr gebe."Warum müssen dann hier Flugzeuge den Tiefflug proben?" fragte er.Sein Amtskollege aus dem ebenfalls am Rand des Übungsplatzes gelegenen Dorfes Schweinrich warb um Spenden für die Bürgerinitiative.Die Klage von Gemeinden, Privatpersonen und einer Kirchengemeinde gegen die Bundeswehr koste viel Geld, sagte Bürgermeister Helmut Schönberg.Seine Gemeinde habe 1997 rund 10 000 Mark Prozeßkosten aufbringen müssen, dieses Jahr seien mindestens 7000 Mark notwendig."Es kann doch nicht sein, daß die Bundeswehr vielleicht nur dank der besseren Finanzausstattung vor Gericht gewinnt.Das sind schließlich auch unsere Steuergelder." Die Osterwanderer drückten ihren Protest auf eine ganz plastische Art aus.Sie stellten sich auf dem Festplatz auf und bildeten ein riesiges Friedenszeichen.Jeder konnte sich ein Erinnerungsbild bestellen.Denn über dem von der Anti-Atombewegung bekannten Symbol kreuzte ein Flugzeug mit einem Kamerateam.Wie nach einem Familientreffen werden die Bilder in den nächsten Tagen an die Teilnehmer verschickt.

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