Ousmane Sembène : Was wisst Ihr schon von Afrika?

Zum Tod des Regisseurs Ousmane Sembène.

Christina Tilmann

Frühjahr 2006, ein Hotel in Berlin. Ousmane Sembène, ein schlanker, schöner Mann, dem man seine 83 Jahre nicht ansieht, sitzt im Schlafanzug, barfuß, Pfeife im Mund, auf dem Sofa, am Vorabend erst eingeflogen aus Paris. Sein Film „Moolaadé“, 2004 in Cannes gefeiert, soll für das deutsche Kino beworben werden – doch der Meister ist an diesem Morgen ungnädig. Ungnädig gegenüber offenen Fragen (und verstecktem Unwissen), ungnädig gegenüber einem Westen, der seiner Meinung nach noch immer mit kolonialistischer Herablassung auf Afrika blickt. „Was wisst Ihr von Afrika?“, hält er den Fragenden vor. Und: „Wollt Ihr überhaupt etwas wissen?“

Recht hat er – und Unrecht zugleich. Denn wenn man in Europa überhaupt etwas weiß von dem riesigen Kontinent Afrika, jenseits von Schreckensmeldungen über Krieg, Völkermord und Hungersnot, dann aus Filmen wie denen von Ousmane Sembène. Filmen wie „Guelwaar“, „Faat Kiné“ oder „Moolaadé“, mit ihren starken Frauengestalten, die sich beherzt zur Wehr setzen gegen Ausbeutung, Patriarchalismus und Beschneidung. Ousmane Sembène, der im Gespräch mindestens so gern den Womanizer wie den Provokateur gibt, ist auch der große Regisseur der Frauen, die er immer wieder in seinen Filmen in den Mittelpunkt rückt. Weil es die Frauen sind, die er erreichen will mit seiner Botschaft, die lautet: Es wird sich nichts ändern, wenn ihr es nicht tut. Auch deshalb hat Ousmane Sembène vielleicht Recht, wenn er beklagt, dass seine Filme in Europa missverstanden würden. Denn verstanden werden sollen sie in Afrika. Dafür sind sie gemacht.

Gemacht sind sie auch, weil in den Sechzigern für Sembène das Kino die beste Chance schien, möglichst viele Menschen in Afrika zu erreichen. Der Mann, dessen Lebenslauf sich liest wie ein Film oder Roman – vom Schulabbrecher, Maurer und Mechaniker in Dakar zum Fremdenlegionär in Frankreich, dann zum Fabrikarbeiter bei Citroen in Paris und Dockarbeiter in Marseille, schließlich, mit Romanen wie „Holzstücke Gottes“ zu einem der erfolgreichsten Schriftsteller Afrikas – dieser Mann kam erst spät zum Film. Anfang der Sechziger ließ er sich in Moskau ausbilden und drehte 1963 in den Slums von Dakar seinen ersten Kurzfilm „Borom Sarret“.

Zehn Filme folgten: Sembène, der Pionier des afrikanischen Kinos, war stolz darauf, seine Filme selbst finanziert zu haben, unabhängig von Politik und Fernsehindustrie. Da ist, angry old man, der er ist, im Gespräch auch schnell von „Zensur“ die Rede und davon, dass Afrika sich verkauft habe: Das Land sei „eine Hure“. Das von Sembène 1969 mitbegründete Filmfestival in Ouagadougou ist ein Versuch, dem Publikum die Möglichkeit zu geben, die einheimischen Produktionen überhaupt zu sehen. „Moolaadé“ zum Beispiel konnte in dem Dorf, wo er gedreht wurde, nicht gezeigt werden: Es gibt kein Kino dort, natürlich nicht, wo doch schon Radios als Teufelszeug gelten. Nur der Geschichtenerzähler ist geschätzt. Als ein solcher Geschichtenerzähler hat auch Sembène sich verstanden. Am Sonnabend ist er im Alter von 84 Jahren im Senegal gestorben.