Der Tagesspiegel : Ouvertüre zur Teilung

Vor 55 Jahren kappte die DDR erste Verbindungen zu West-Berlin und führte einen Visumzwang ein

Lothar Heinke

Berlin - Der kalte Krieg kam so richtig auf Touren, der Umgangston zwischen Ost und West wurde rau. Vor 55 Jahren begannen die innerdeutschen Scharmützel, und jeder Berliner spürte, dass die Sowjetunion die DDR von der Teilstadt West- Berlin abschotten wollte. Die Westsektoren sollten isoliert, der innerstädtische Verkehr lahmgelegt werden.

Die Ouvertüre: Am 27. Mai 1952 kappt die Ost-Berliner Post die Fernsprechverbindungen zwischen beiden Teilen der Stadt und zwischen West-Berlin und der DDR. Fünf Tage später beendet eine Verordnung den freien Zugang in den „demokratischen Sektor“, für West-Berliner besteht praktisch keine Möglichkeit mehr, ganz normal nach Ost-Berlin und in die DDR zu fahren. Straßen werden abgeriegelt, auch Bewohner der DDR können nur noch zu Fuß auf Umwegen, mit dem Fahrrad oder in der S-Bahn nach West-Berlin gelangen. Die DDR-Nachrichtenagentur ADN vermeldet: „Das Ministerium des Innern der DDR gibt bekannt, dass ab 1. Juni 1952 Verkehr und Aufenthalt deutscher Bürger in der DDR nur gestattet ist, wenn die Betreffenden einen von den Behörden der DDR ausgestellten deutschen Personalausweis besitzen. Personen, welche einen solchen Ausweis nicht haben, müssen im Besitz eines besonderen Ausweises sein“. In der Meldung der amerikanischen Agentur UP liest es sich so: „Das Sowjetzoneninnenministerium hat für die Einreise in die ,DDR‘ vom 1. Juni an einen Visumzwang angeordnet. Danach können sich nur noch Personen in der Sowjetzone aufhalten, die einen Personalausweis der Sowjetzonenrepublik oder einen von Sowjetbehörden ausgestellten Sonderausweis haben.“

Das betraf alle West-Berliner, die in Ost-Berlin oder in den Randgebieten arbeiteten oder, vielfach, ihre Grundstücke und Kleingärten hatten. Allein deren Zahl wird auf 100 000 geschätzt. Der Tagesspiegel beschreibt die Folgen: „Die Gärten verkommen, die Hühner, Gänse und Ziegen in den Ställen verhungern, denn die SED-Funktionäre kontrollieren die Anwesen, ohne sich um das Vieh zu kümmern.“ Das Passierscheinverfahren erweist sich als propagandistisch gelenkte SED-Schikane: „Von den 25 000 Antragstellern aus West-Berlin, die sechs bis sieben Stunden vor den Rathäusern Treptow, Pankow und Mitte warteten, wurde bisher nur ein Bruchteil abgefertigt. In Treptow hat man von 2000 bearbeiteten Anträgen gerade einmal 27 genehmigt, in Mitte 100, in Pankow 70. Hierbei handelt es sich fast ausschließlich um Anträge, die von West-Berliner Kommunisten gestellt wurden.“

Der Unruhe unter den Berlinern begegnet die DDR mit Hohn: Dies seien „Maßnahmen zum Schutz unserer demokratischen Ordnung“ – und sie „ gelten selbstverständlich nur so lange, bis eine Verständigung über die Durchführung gesamtdeutscher freier Wahlen zur Herbeiführung der Einheit Deutschlands auf demokratischer Grundlage erfolgt“, hieß es im Juni 1952 offiziell. Daraus wurden 38 Jahre.

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