Palästinänsergebiete : "Das wirft uns um Jahrzehnte zurück"

Nach der Machtübernahme der Hamas wird Gaza zur leichten Beute. Plünderung und Zerstörung, wohin man sieht. Die Islamisten schaffen an der Grenze zu Israel de facto eine islamische Enklave und spalten die Palästinenser.

Sakher Abou El Oun[AFP]
Hamas Siegesfeier
Hamas Siegesfeier in Gaza-City. -Foto: dpa

GazaSie nehmen alles mit - sogar das Spülbecken aus der Küche: Einen Tag nachdem die radikalislamische Hamas die Macht im Gazastreifen übernahm und die rivalisierende Fatah von Palästinenserpräsident Mahmud Abbas in die Flucht schlug, beginnen die Plünderungen. Die tagelangen bürgerkriegsähnlichen Gefechte zwischen Kämpfern von Hamas und Fatah haben kaum ein -  vorläufiges - Ende, die Menschen wagen sich kaum wieder aus ihren Häusern hervor, da sind die Plünderer schon aktiv: in den Häusern von Abbas' Getreuen und den verlassenen Fatah-Stützpunkten, wo nichts an seinem angestammten Platz bleibt.

Ansonsten scheint es ruhig in Gaza, der Verkehr fließt wieder, die Straßen füllen sich allmählich mit Passanten, die sich wieder aus ihren Häusern wagen. Während die Hamas-Kämpfer vor Abbas' Wohnsitz Stellung beziehen, um zumindest diesen vor den Plünderern zu schützen, räumen ihre Mitstreiter den Amtssitz des Präsidenten leer, singen Siegeslieder, feuern in die Luft. Aus dem Amtssitz, den die Hamas-Kämpfer in der Nacht zum Freitag als letzte Fatah-Bastion eroberten, schaffen Hamas-Leute Computer, Dokumente, Waffen fort. Auch Fatah-Fahrzeuge sind nicht sicher - Autos, die sich nicht starten lassen, werden kurzerhand abgeschleppt, die grüne Hamas-Fahne auf dem Wagendach.

Dutzende ihrer Anhänger warten vor dem Komplex und bejubeln ihren Sieg über die Fatah-Mitglieder, die für sie nichts anderes sind als "Kollaborateure der Amerikaner und Israels". "Wir haben uns von den Verrätern befreit", ruft der 45-jährige Ahed Ramlawi und schwenkt begeistert die Hamas-Fahne in Grün, der Farbe des Islam. Das Haus des Anführers der Fatah von Gaza, Mohammed Dahlan, fällt einem ungebremsten Raubzug zum Opfer: Hab und Gut des Hamas-Erzfeindes werden zur leichten Beute. Dutzende Palästinenser schleppen weg, was sie tragen können - Möbel, eine Spüle samt Armaturen und sogar Pflanzenkübel.

Hamas: "Wir müssen sie zerstören"

In vielen Fatah-Stützpunkten seien Menschen gefoltert worden, sagte Atef Hersallah: "Wir müssen sie zerstören." Auch eine kleine Ferienanlage in der Nähe des Meeres, wo sich früher die Mitarbeiter der Autonomiebehörde entspannten, ist nicht mehr das, was sie bis vor kurzem noch war: Fenster, Holztüren, Möbel, sogar Glühbirnen - alles ist weg.

Im Viertel Tal el Hawa ("Hügel des Windes"), das die Hamas in Tal el Islam ("Hügel des Islam") umbenannt hat, trauen sich die Bewohner vorsichtig wieder auf die Straße - am Donnerstag hatte es hier 14 Tote und 70 Verletzte gegeben, dann hatte die Hamas das wichtige Quartier für erobert erklärt. Salah Juda wandert mit vor Müdigkeit rotgeränderten Augen durch die Straßen, um sich ein Bild zu machen: "Was in Gaza passiert, ist eine Farce und eine Schande, sie haben kein anderes Ziel als alles zu zerstören, was dem palästinensischen Volk gehört."

Hoffnung auf Palästinänserstaat zerstört sich selbst

Der Gazastreifen mit seinen anderthalb Millionen Einwohnern ist fest in der Hand der Islamisten, die an der Grenze zu Israel de facto eine islamische Enklave schaffen und die Palästinenser spalten - in jene unter Hamas-Herrschaft im Gazastreifen und jene im Fatah-dominierten Westjordanland. Die Vision vom Palästinenserstaat gerät damit in akute Gefahr.

"Was hier passiert ist, wirft uns um Jahrzehnte zurück", sagte der Hausmeister Abu Said, der in der Flüchtlingssiedlung Schatti lebt. "Die Welt wird niemals einen Palästinenserstaat im Gazastreifen anerkennen und einen zweiten im Westjordanland." Die Hausfrau Um Chalil Kmeita sagt: "Die Kämpfe zwischen Hamas und Fatah erfreuen niemandem - beide sind unsere Brüder." Anderswo knien Hamas-Kämpfer auf den Gehsteigen zum Gebet nieder, während andere von den Dächern begeistert in die Luft feuern, um ihren Sieg zu feiern: Ein Hamas-Anführer nennt ihn den Sieg in "einer Schlacht zwischen dem Islam und der Ketzerei".

"Willkommen in der Hölle"

Israel hat sämtliche Grenzübergänge zum Gazastreifen dichtgemacht und das Gebiet damit von der Außenwelt isoliert, auch Ägypten schickt Verstärkung an seinen einzigen Grenzübergang zum Gazastreifen, Rafah, nachdem immer wieder Fatah-Getreue aus Angst vor der Hamas nach Ägypten zu gelangen versuchen. Die israelische Zeitung "Maariv" schreibt von einem "Katastrophenszenario, das Wirklichkeit geworden ist" und fügt hinzu: "Willkommen in der Hölle".

Seit dem Sechs-Tage-Krieg von 1967 habe er nichts Schlimmeres mehr erlebt als die gegenwärtige Situation, sagt der Fatah-Unterhändler Sajeb Erakat: "Ich sehe die Trennung des Gazastreifens vom Westjordanland, und ich sehe die Hoffnungen der Palästinenser auf einen Staat enttäuscht." Der Gazastreifen sei nicht mehr unter Kontrolle der Palästinensischen Autonomiebehörde: "Das ist jetzt nur noch Meuterei."