Palästinenserkonflikt : Fatah klammert sich ans Westjordanland

Der Bruderkrieg zwischen Hamas und Fatah verlagert sich zunehmend ins Westjordanland. Die Fatah-treuen militanten Al-Aksa-Brigaden stürmten bei der Verfolgung von Hamas-Mitgliedern das Parlament in Ramallah.

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Die Al-Aksa-Brigaden fordern die Entwaffnung der Hamas im Westjordanland. -Foto: dpa

Ramallah/BerlinDer Bruderkrieg zwischen den Radikalislamisten und der Fatah verlagert sich zunehmend ins Westjordanland. Die Fatah-treuen militanten Al-Aksa-Brigaden stürmten am Samstag bei der Verfolgung von Hamas-Mitgliedern das Parlament in Ramallah. Andere Kämpfer verwüsteten Büros von Hamas-Organisationen. Al-Aksa-Anführer Sakaria al Subeidi forderte die Entwaffnung der Hamas im Westjordanland, um zu verhindern, dass sie wie im Gazastreifen die Macht an sich reißt. Der designierte Chef der Notstandsregierung Salam Fajad will sein Kabinett bis zum Sonntag vorstellen. Die Uno warnte vor einer Katastrophe im vollständig abgeriegelten Gazastreifen.

Die Al-Aksa-Brigaden verwüsteten in Nablus im Westjordanland Augenzeugen zufolge zahlreiche Büros und andere Räumlichkeiten Hamas-naher Organisationen. Unter anderem seien die Kämpfer in eine Koranschule, ein Kulturzentrum, Büros von Hilfsorganisationen und Rundfunksender eingedrungen. Zuvor waren bereits weitere Hamas-Büros in Nablus, Dschenin, Bethlehem und Hebron zerstört worden.

Widersprüchliche Berichte über Entführung

Mitglieder der Al-Aksa-Brigaden hissten auf dem Gebäude mit den Büros der Regierung in Ramallah Augenzeugen zufolge die Fahne ihrer Organisation. Über eine angebliche Entführung von Vize-Parlamentspräsident Hassan Chreischeh gab es widersprüchliche Berichte. Sicherheitskreisen zufolge drang ein bewaffnetes Kommando in das Büro des mit Hamas-Unterstützung gewählten Chreischeh ein und verschleppte ihn. Ein Parlamentssprecher dementierte die Entführung jedoch. Zwar seien Al-Aksa-Kämpfer in Chreischehs Büro vorgedrungen und hätten ihn als Verbündeten der Hamas beschimpft, und es habe "Auseinandersetzungen" gegeben. "Aber er wurde nicht entführt", sagte der Sprecher.

"Nach allem, was im Gazastreifen passiert ist, ist die Hamas im Westjordanland verboten, alle ihre Waffen müssen der Autonomiebehörde übergeben werden", sagte Subeidi in Dschenin: "Diese Waffen sind illegal." Sämtliche Aktivitäten der Hamas im Westjordanland ohne vorhergehende Genehmigung seien künftig verboten.

Israels Botschafter in Deutschland, Shimon Stein, geht unterdessen nicht von einem Übergreifen der Gewalt aus dem Gazastreifen ins Westjordanland aus. Anders als im Gazastreifen habe die Hamas im Westjordanland keine militärischen Strukturen aufbauen können, sagte Stein der "Frankfurter Rundschau". Israel werde das auch in Zukunft nicht zulassen.

Notstandsregierung soll bis Sonntag stehen

Er werde bis Sonntagmittag die neue Regierung vorstellen, sagte der designierte Chef der Notstandsregierung Salam Fajad unterdessen nach einem Treffen mit Palästinenserpräsident und Fatah-Chef Mahmud Abbas. Abbas hatte die von der Hamas geführte Einheitsregierung Donnerstagabend gegen den Widerstand der Hamas aufgelöst. Der entlassene Ministerpräsident Ismail Hanija ernannte im Gazastreifen General Taufik Dschaber zum neuen Polizeichef. Seinem Büro zufolge beauftragte er außerdem den General im Ruhestand Said Fannunah damit, die Sicherheitskräfte neu zu strukturieren. Hanija hatte zuvor angekündigt, die bisherige Regierung werde ihre Arbeit fortsetzen.

Das UN-Palästinenserhilfswerk UNRWA forderte Israel auf, die Grenzübergänge in den Gazastreifen wieder zu öffnen, um das Leben der Zivilisten zu erleichtern: "Wir können nicht 1,5 Milionen Menschen im Gazastreifen kollektiv bestrafen", sagte UNRWA-Chef John Ging: "Sie leben schon jetzt unter katastrophalen Bedingungen." Der Gazastreifen sei komplett auf Hilfe von außen angewiesen. Ein Sprecher des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz sagte unterdessen, es gebe "momentan keine Krise" im Gazastreifen. Noch seien Vorräte für einige Wochen vorhanden: "Unsere Hauptsorge sind die Blutkonserven, schon gestern fehlte Blut - Anfang der Woche haben wir es aus Ramallah geholt."

Arafats Wohnsitz geplündert?

In Gaza wurde nach dem Bericht eines Augenzeugen der Wohnsitz des verstorbenen Palästinenserpräsidenten Jassir Arafat geplündert. "Ich habe bewaffnete Männer ins Haus gehen sehen, die Sachen stahlen und ein Schlafzimmer in Brand steckten", sagte der Augenzeuge, der gegenüber von Arafats Haus lebt. Auf dem Dach von Arafats Wohnsitz hatten sich Augenzeugen zufolge vermummte Kämpfer der Hamas-nahen Kassam-Brigaden postiert und ließen niemand in die Nähe des Gebäudes. Arafat, Gründer der mit der Hamas rivalisierenden Fatah, war 2004 gestorben. Zuvor hatten Hamas-Kämpfer bereits zahlreiche Fatah-Stützpunkte und Wohnsitze ranghoher Fatah-Funktionäre ausgeraubt. (mit AFP)