Pantomime : Monsieur Bip tritt ab

Der legendäre französische Pantomime Marcel Marceau ist im Alter von 84 Jahren gestorben. Er sagte nichts und wurde doch verstanden.

Ulrike Geist[ddp]
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Marcel Marceau -Foto: dpa

BerlinMit Gesten und Mimik, mit seinem ganzen Körper erzählte er Geschichten, "Mimodramen" nannte er sie. Er charakterisierte Menschen, unterhielt, rührte an, brachte sein Publikum zum Lachen und zum Nachdenken. Am Samstag hat Marcel Marceau mit 84 Jahren die Bühne des Lebens verlassen. Der weltberühmte französische Pantomime ist tot, wie der französische Radiosender France Info heute unter Berufung auf zwei Kinder des Künstlers berichtete. Über 60 Jahre lang hatte Marceau die Zuschauer fasziniert und über seine Arbeit selbst gesagt: "Je weiter die Zeit fortschreitet, umso mehr vertieft sich meine Kunst."

Zu Marceaus Repertoire gehörten die sogenannten Pantomimes de style. Darin erzählte er etwa von der "Schöpfung der Welt", stellte die Protagonisten an einem "Gerichtshof" vor oder zeichnete in "Jugend, Reife, Alter, Tod" mit wenigen Bewegungen den Weg des Lebens nach. Am Ende war es in dem Stück nur ein kleines Fallenlassen der Hand, mit dem er für alle verständlich den Schlusspunkt setzte.

Marceau: Bip ist ein Teil von mir

Bekannt wurde Marceau aber vor allem als Monsieur Bip, dem schwarz-weiß-geschminkten Clown im Ringelhemd. Die melancholische und zugleich ironische Figur, die Marceau 1947 geschaffen hat, ist heute so berühmt wie ihr Schöpfer. "Bip ist ein poetischer Held unserer Zeit. Er ist ein Teil von mir, von meinen Erinnerungen und meinen Träumen", sagte Marceau über die Clown-Figur. Bip begegnete dem Publikum als "Löwenbändiger", der am Ende selbst durch den Reifen springt, als "Maskenmacher", der sein lachendes Gesicht nicht mehr los wird, als "Porzellanverkäufer" oder "Straßenmusikant". Er war ein Repräsentant menschlicher Unzulänglichkeiten, alters- und zeitlos und wohl gerade deshalb so liebenswert.

Marceau wurde am 22. März 1923 in Straßburg als Sohn eines jüdischen Metzgers geboren. Während des Zweiten Weltkrieges schloss er sich der Widerstandsbewegung an und kämpfte später in der französischen Armee gegen die deutschen Besatzer. Nach dem Krieg begann er 1946 eine Ausbildung am Theater, ein Jahr später trat Marceau, dessen großes Vorbild Charlie Chaplin war, erstmals als Monsieur Bip auf. 1978 gründete er die Schauspielschule École Internationale de Mimodrame de Paris, in der Pantomime, Tanz, Fechten und Schauspiel gelehrt wurden. Er selbst gilt als der größte Pantomime aller Zeiten. Tourneen haben ihn um die ganze Welt geführt. Bis heute beeinflusst er viele Künstler unterschiedlicher Genres.

Marceaus Kunst erforderte Aufmerksamkeit

Marceaus Spiel war trotz höchster Präzision geprägt von großer Leichtigkeit, das Alter schien den Körperkünstler nur reifer gemacht, nicht aber eingeschränkt zu haben. Wie zufällig dahingeworfen wirkten noch bei dem Über-80-Jährigen manche der doch genau gesetzten Bewegungen. Er brauchte keine Requisiten. Alles, was er erzählte, ließ er durch sein Körperspiel in der Fantasie der Zuschauer entstehen. Marceaus Kunst erforderte Aufmerksamkeit. Ein flüchtiges Hinschauen genügte nicht. Nur wer sich mit wachen Sinnen auf den, der da erzählte, einließ, bekam das Unsichtbare zu sehen, verstand und wird die Erinnerung daran auch nach dem Tod des großen Künstlers bewahren.