PAUKEN & Trompeten : 555 Pralinen

Jörg Königsdorf hat Appetit auf Barock

Jörg Königsdorf

Pech für Domenico Scarlatti, dass er im gleichen Jahr wie Bach und Händel geboren wurde: Immer wenn ein runder Scarlatti-Geburtstag gefeiert werden könnte, interessiert sich alle Welt nur für die Konkurrenz. Bleibt der Todestag, und tatsächlich besteht einiger Bedarf, das Image des vor 250 Jahren verstorbenen Komponisten zu korrigieren. Immer noch ist der Neapolitaner fast ausschließlich wegen seiner 555 Cembalosonaten berühmt, die er als hochrangiger Gastarbeiter an den portugiesischen und spanischen Königshöfen verfasste. Dass Scarlatti daneben ein umfangreiches Oeuvre schuf, wird trotz einiger ausgezeichneter CD-Einspielungen bislang kaum zur Kenntnis genommen. Dabei muss man bloß die Kammerkantaten hören, die der Countertenor Max Emanuel Cencic 2006 aufgenommen hat: An expressiver Kühnheit und Ideenreichtum sind die Stücke wohl der Gipfel dieser im Barock so beliebten Gattung – selbst Händel kommt da nicht mit.

Eigentlich hätten sie auch gut in die kleine Reihe gepasst, mit der das Konzerthaus von Freitag bis Sonntag das Scarlatti-Jubiläum begeht. Denn ein Abend nur mit Cembalosonaten ist genauso gefährlich wie eine Schachtel Pralinen: Jede einzelne mag noch so gut sein, spätestens nach einem Dutzend hat man aber genug. Das Konzerthaus hat eine andere – kostengünstigere – Lösung gefunden: Zwei der drei Abende setzen auf die Konfrontation von Scarlattis kleinformatigen Preziosen mit Musik des 20. und 21. Jahrhunderts: Der Akkordeonspieler Teodoro Anzellotti stellt sie am Samstag modernen Stücken von Komponisten wie Luciano Berio und dem Franzosen Brice Pauset gegenüber. Und für den Ex-Tastenwunderknaben Gianluca Cascioli ist Scarlatti der Ausgangspunkt für eine Tour d’Horizon durch die italienische Klaviermusik, die über Busoni und Dallapiccola zu einem Opus von Cascioli persönlich führt.

Bleibt der Freitag mit Andreas Staier: Dem Wagnis, einen ganzen Abend nur mit Scarlatti-Sonaten zu bestreiten, ist kaum ein Cembalist so gewachsen wie er – erst im Mai zeigte der 52-Jährige beim Mozart-Programm des Freiburger Barockorchesters, dass ihm in puncto Spielwitz und Stilsicherheit keiner etwas vormacht.