PAUKEN & Trompeten : Frauen bevorzugt

Jörg Königsdorf will mehr Dirigentinnen hören

Jörg Königsdorf

Gerade erst haben die Ankündigungen von Ingo Metzmacher und Lothar Zagrosek, ihre Verträge auslaufen zu lassen, das Berliner Dirigentenkarrussel wieder in Schwung gebracht. Es sind Maestro- Posten frei in dieser Stadt – aber wann wird es endlich so weit sein, dass auch eine Frau an die Spitze eines Berliner Orchesters berufen wird? Die aktuelle Saison bietet jedenfalls wenig Anlass zu der Hoffnung, dass sich am Taktstock-Patriarchat bald etwas ändern könnte.

Sowohl bei den Philharmonikern, die im vergangenen Jahr immerhin ein Programm mit zwei Dirigentinnen anboten, als auch bei DSO, RSB und Staatskapelle liegt die Maestra-Quote diesmal bei null. Das ist umso bedauerlicher, als inzwischen eine junge Generation von Dirigentinnen herangewachsen ist, die durchaus dem Vergleich mit der männlichen Konkurrenz standhalten kann. Zum Beispiel die Hanns-Eisler-Absolventin Shi-Yeon Sung, die bereits den Bamberger Dirigentenwettbewerb wie dem Solti-Wettbewerb für sich entscheiden konnte. Und was ist mit der Portugiesin Joana Carneiro, die gerade Kent Nagano an der Spitze seines kalifornischen Berkeley Symphony Orchestra beerbt hat? Oder der Mainzer Chefdirigentin Katherine Rückwardt? Oder der Britin Alice Farnham, die gerade an Covent Garden debütiert? Oder der Estin Anu Tali?

Das einzige Orchester, das aus dieser Entwicklung seine Konsequenzen zieht und regelmäßig Dirigentinnen für reguläre Programme (und nicht nur für Kinderkonzerte) einlädt, ist das Konzerthausorchester. Im Juni beispielsweise die 35-jährige Chinesin Xian Zhang, die bereits das London Symphony Orchestra und die Dresdner Staatskapelle geleitet hat und neue Chefdirigentin des Mailänder Sinfonie-Orchesters ist.

In dieser Woche dagegen steht eine der beiden „Mütter der Bewegung“ am Pult des Orchesters: Neben Simone Young war es die New Yorkerin Marin Alsop, die für Dirigentinnen den Weg zu den Chefposten der großen Orchester freikämpfte: 2002, als die Bernstein-Schülerin an die Spitze des Bournemouth Symphony Orchestra berufen wurde, war das eine Sensation, ebenso in den USA, wo sie 2007 das renommierte Orchester von Baltimore übernahm. Auch in Berlin war Alsop schon öfter zu hören und hat hier ebenso wie auf ihren CDs (etwa dem bei Naxos erschienenen Brahms-Zyklus) ihre innige Vebundenheit mit dem romantischen Kernrepertoire demonstriert. Brahms und Dvorak (6. Sinfonie) stehen auch im Zentrum des Programms, das Alsop von Freitag bis Sonntag im Konzerthaus dirigiert, und geben den Rahmen für das schöne, aber selten zu hörende Violinkonzert Samuel Barbers.