Der Tagesspiegel : Pfarrer im Himmel

Roland Seidel hat zwei Berufe: Er predigt in der Kirche und er betreut als Steward Fluggäste

Christiane Bertelsmann

Mittenwalde - Im Kleiderschrank von Pfarrer Seidel hängen zwei Dienstkleidungen, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Einmal der lange schwarze Talar mit dem weißen Bäffchen, den Seidel sonntags trägt, wenn er in einer Kirche in Mittenwalde seine Predigt hält. Roland Seidels andere Dienstkleidung ist eine dunkelblaue Uniform mit goldenen Streifen an den Ärmeln. Die braucht er an den predigtfreien Tagen. Denn dann geht Herr Pfarrer auf Himmelfahrt: Er ist Steward bei der Lufthansa – seit nunmehr zwölf Jahren.

Wie passt das zusammen: Hier der Gottesdienst, da der Dienst am Kunden? Tomatensaft statt Brot und Wein verteilen? Roland Seidel lacht – für ihn sind die beiden Berufe kein Widerspruch. Denn auch im Flugzeug kann er seelsorgerisch arbeiten – und umgekehrt auf der Erde, in den Gotteshäusern, von den Erfahrungen als Flugbegleiter erzählen.

Dass er Pfarrer werden wollte, wusste Seidel schon, als er noch Schüler war und daheim im schwäbischen Rottweil den Bibelkreis besuchte. Dort fühlte er sich geborgen. Nach dem Abitur zog er nach Berlin, um dort Theologie zu studieren. Als er dann gerade sein Vikariat beendet hatte, las er eine Zeitungsanzeige: Die Lufthansa suchte „Himmlische Gastgeber“ – Flugbegleiter. Der junge Pfarrer sah das als Wink des Schicksals. „Ich wollte schon immer viel reisen, und zum Fliegen hatte ich ein ganz besonderes Verhältnis.“ Er bewarb sich und wurde genommen. Er verschwieg allerdings, dass er unter Flugangst litt. „Auch ein Grund, weshalb ich Flugbegleiter werden wollte: um meine Flugangst zu überwinden.“ Die hatte ihm schon als Kind manche Urlaubsreise vergällt. Jedes veränderte Motorengeräusch, der besorgte Gesichtsausdruck einer Flugbegleitern, leichte Turbulenzen – für Roland Seidel klare Indizien für einen bevorstehenden Absturz. Auch als er während des Studiums häufig von Berlin nach Stuttgart flog, peinigte ihn die Flugangst. Dennoch stieg er immer wieder in den Flieger. „Es waren sehr ambivalente Gefühle. Einerseits die Angst, abzustürzen, andererseits die Faszination, in die weite Welt reisen zu können.“

Doch mit seinem ersten Tag als Steward war die Angst vorm Fliegen überwunden. „Mir wurde bewusst, dass nicht mehr ich im Mittelpunkt stehe, sondern die anderen Menschen, denen ich im Notfall helfen muss.“ Unter Kollegen gilt Seidel heute als Spezialist für die ganz harten Flugangst-Fälle. „Ich erzähle dann, dass es mir auch so ging. Das hilft oft. Schwerer zu trösten sind die Menschen, die Trauer und Schmerz mit sich tragen.“ Auch ihnen versucht Seidel zu helfen. „Ich rede mit ihnen, frage sie, ob sie sich mir anvertrauen wollen. Vielen tut es gut zu reden.“ Wenn es passt, zitiert der Steward ein Bibelwort – Seelsorge in 12000 Meter Höhe.

Wie wichtig Reden ist, erfährt Seidel auch bei seiner Arbeit als Notfall-Seelsorger, am Boden, in Brandenburg. An vier Tagen pro Monat hat er Rufbereitschaft, 24 Stunden lang. „Notfallseelsorger werden alarmiert, wenn Menschen innerlich verletzt sind“, erklärt der Pfarrer. Traumatisiert nach einem schweren Unfall oder wenn plötzlich ein Angehöriger gestorben ist. Dann kommt Pfarrer Seidel, versucht zu trösten, zu reden, zuzuhören, ein Gebet zu sprechen.

Mittlerweile ist der Steward mit dem kleinen silbernen Kreuz an der Uniform auch für seine Kollegen Ansprechpartner bei Seelennöten – und bei Kritik an der Kirche. Schon oft hat der Pfarrer auch Kollegen getraut oder ihre Kinder getauft – allerdings nicht an Bord, sondern ganz konventionell in einer Kirche.

Niemals würde Seidel ohne seine kleine Reisebibel in ein Flugzeug steigen. Hier kann der fliegende Pfarrer nicht nur jederzeit Gottes Wort nachschlagen – die Bibel ist inzwischen auch zur Autogrammsammlung geworden. „Wenn ich einen interessanten Fluggast habe, dann bitte ich ihn, mir etwas in meine Bibel zu schreiben.“ Besonders stolz ist er da auf ein Autogramm des Dalai Lama, mit dem er nach dem ökumenischen Kirchentag in Berlin bis nach Neu-Delhi flog.

Und beinahe hätte Seidel noch ein ganz spezielles Autogramm ergattert. „Als der Papst zu Besuch war, wäre ich fast mitgeflogen.“ Doch Roland Seidel kann kein Italienisch. Für die Betreuung des multilingualen Papstes wäre das zwar kein Problem gewesen, wohl aber für seine Begleiter. „Hier hätte ich ihn unterschreiben lassen“, sagt Seidel und zeigt auf eine freie Seite in seiner Autogramm-Bibel. Grellpink leuchtet das Autogramm von Beate Uhse durch. „Das wär’s doch gewesen“, sagt Seidel – der protestantische Pfarrer.

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