Der Tagesspiegel : Pferdegeflüster in Bad Saarow

Beim berühmten Monty Roberts hat Andrea Kutsch gelernt. Jetzt eröffnet sie eine eigene Akademie in Brandenburg

Ariane Bemmer

Bad Saarow - Wenn dann etwas klappt, das lange nicht möglich schien, wird oft geweint. Aus Erleichterung. Und Trauer auch. Weil offenbar wird, was zuvor alles falsch gelaufen ist, wie Unrecht getan wurde. Als es losging bei Andrea Kutsch, als es sie packte, da hatte sie auch Tränen in den Augen, und alle Leute, die zusahen. Plötzlich konnte sie ein Pferd, das zuvor weder auf Schreien noch Ziehen noch Drohen reagiert hatte, mit Blicken und kleinsten Bewegungen lenken. Pepper hieß es. Sie wird das nie vergessen. Pepper wollte nicht laufen. Aber am Ende hat er genau das gemacht.

Sie sagt: Weil sie kompetent mit ihm kommuniziert. Sie sagt nicht „sprechen“. Und „flüstern“ auch nicht. Weil es nicht um Worte geht, sondern um Gesten.

Seit sie 2002 vom Pferdetrainer Monty Roberts dessen besonderen Umgang mit den Tieren gelernt hat, ist kein einziger Zweifel auf ihren Weg gefallen. Im Gegenteil. Gerade werden die letzten Vorbereitungen getroffen, bevor im Herbst der erste Jahrgang an der „Andrea Kutsch Akademie“ startet. Studienziel: Pferdekommunikationswissenschaft. Studiendauer: sechs Semester. Anfangskapazität: 40 Studenten. Preis: 3400 Euro pro Halbjahr.

Die Akademie entsteht in Bad Saarow am Scharmützelsee. Da, wo der alte Osten und die neue Zeit eine seltsame Mischung bilden. Wo alte Gutshäuser neben neuen Apartmentblöcken stehen und am Weg dorthin DDR-Jugendclubs vergammeln. Noch wird das Reitsportzentrum neben dem Arosa-Hotel umgebaut: In die Reithalle kommt ein Seminarraum, ins Bistro ein Hörsaal, in dem Gastprofessoren vorlesen werden. Unterstützt wird die Akademie von der Chefin der SGS, der Scharmützelsee Golfhotel- und Sportanlagen Gesellschaft, Ulrike Haselsteiner. Die hat selber Pferde und ist, seit sie ein Seminar bei Andrea Kutsch erlebt hat, ganz beseelt von deren Methode.

Andrea Kutsch, 39, aufgewachsen in der Nähe von Hamburg, ist groß und trägt die blonden Haare im Pferdeschwanz. „Ich will die Welt verändern“, sagt sie, als sie im Schatten eines Sonnenschirms am See sitzt und doch von der Hitze des Tages nichts zu spüren scheint. Das rosa Hemd, das in der Jeans steckt, hat ein Pferdelogo, die Uhr ist eine Rolex. Es ist kein Schnörkel an ihr, kein Tand, aber auch kein Stallmist.

Die Welt verändern heißt für sie: Gewalt verhindern. Wenn viele Menschen ihre Methode beherrschten, verschwände die Gewalt. Sie sagt: „Gewalt ist die Zuflucht der Inkompetenten.“ Das sei wie mit Kindern. Auch in der Erziehung muss eine Sprache gefunden werden, die beide verstehen. Es geht auch da um kompetente Kommunikation.

1999 las sie „Der mit den Pferden spricht“, die Autobiografie von Monty Roberts: Roberts, geboren 1935 in Salinas, Kalifornien, hat als Sohn eines Pferdetrainers oft mit angesehen, wie die Tiere beim Einreiten, Dressieren oder Trainieren geschunden wurden, und er wusste, dass das schlecht ist. Er schreibt: „Als ich sah, wie sich Brownies Augen weiteten und sich die Augäpfel in angstvoller Erwartung verdrehten, erfüllten mich Abscheu und Ekel.“ Und weiter: „Ich zerbrach mir den Kopf darüber, wie ich das, was ihm angetan wurde, wiedergutmachen könnte, doch ich wusste keinen Rat.“ Als er älter ist, jagt er dann Wildpferde, die in Rodeos auftreten sollen. Dabei beobachtet er die Herden so intensiv, dass ihm Verhaltensmuster und Gesten auffallen, die er nachahmt.

Und das war sie, die Lösung. Equus nannte Monty Roberts seine Pferdesprache, nach dem lateinischen Namen der Gattung.

Andrea Kutsch fuhr noch im selben Jahr nach Kalifornien, machte einen Lehrgang bei Roberts. Sie wurde seine Lieblingsschülerin, machte 2002 ihr „Instructor-Examen“ und ist bis heute im deutschsprachigen Raum die Einzige, die die Equus-Methode unterrichtet. In der Akademie wird Roberts auch eine Aufgabe haben: Er soll Reiten unterrichten.

Der Ablauf der Ausbildung steht fest, aber er ist noch wandelbar, falls die Praxis das nahe legt. Im Moment sei außer Tiermedizin, Pferdetraining, Pferdezucht, Betriebswirtschaftslehre und Recht ein großer Anteil Gesprächspsychologie. Wie begegne ich dem Gegenüber? Wie stelle ich klar, dass ich verstanden wurde? Wie verhindere ich Missverständnisse. 177 Gesten haben sie und Monty Roberts bisher identifiziert. Aber vielleicht gebe es noch viel mehr.

Als Andrea Kutsch 2002 aus Kalifornien zurückkam, fuhr sie als eine Art Pferde-Supernanny durchs Land, veranstaltete Shows, auf denen sie zeigte, wie man mit schwierigen Tieren umgehen muss. Häufigstes Problem sei das Verladen der Tiere in einen Hänger gewesen. Oder – bei Rennpferden – der Weg in die Startbox. So einen Fall hatte Monty Roberts auch. 1991, da war er schon sehr bekannt, sogar die Queen hatte ihn bereits empfangen, in der Nähe von Bremen. Das Pferd hieß Lomitas, man sagte ihm eine große Karriere voraus, aber es wollte nicht in die Startbox. Roberts brachte das Pferd dazu, ihm zu vertrauen, durch Gesten seiner EquusSprache, und nach elf Tagen konnte das Pferd problemlos Rennen starten. Es wurde ein millionenschweres Erfolgstier.

Es sei traurig, dass durch falsche Behandlung viele Pferde keine Chance bekämen, für den Menschen gut zu sein, sagt Andrea Kutsch. Dabei müsse man sich doch nur auf sie einstellen.

Pferde seien Fluchttiere, seit 50 Millionen Jahren, sagt sie. Und wenn der Mensch sich ihnen nähere wie einem Menschen, reagierten sie deshalb mit Rückzugsreflexen. Wenn er ihnen die Hand hinstreckt, die auch eine Kralle sein könnte. Wenn er ihnen in die Augen guckt. Andrea Kutsch lehnt sich vor, kneift die eckigen Augen zusammen und zieht die blauen Augäpfel nach links und rechts, angestrengt spähend. Man muss kein Pferd sein, um sich bedroht zu fühlen. „So gucken Raubtiere“, sagt sie. Sie selber gucke Pferden nur in die Augen, wenn sie will, dass sie zurückweichen.

Wenn man lerne, gewaltfrei mit Pferden umzugehen, bleibe das Vertrauen bestehen und die Tiere würden gerne folgen, sagt Andrea Kutsch.

Und bei Monty Roberts steht: „Die Worte lehren und beibringen, implizieren, dass man jemandem Wissen quasi einimpfen kann.“ Aber dass es das nicht gebe. Er schreibt: „Es gibt nur lernen.“

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