Pflegeversicherung : Demenzkranke unzureichend versorgt

Der Reformbedarf der Pflegeversicherung ist unbestritten. Am Montagabend will die Große Koalition darüber beraten. Insbesondere die steigende Zahl der Demenzkranken erfordert ein Umdenken.

Demenz
Alzheimer- und Demenzkranke in einer Bildungs- und Erholungsfreizeit bei Bautzen. -Foto: ddp

KasselZwölf Jahre nach Einführung wird bei der Pflegeversicherung weiter um die Reform gestritten. Die Spitzen der großen Koalition wollen am Montagabend in Berlin insbesondere darüber beraten, wie die gut eine Million demenzkranker Menschen in Deutschland besser versorgt werden können. In der Pflegeversicherung bleiben sie bislang häufig außen vor.

Das Wort Demenz kommt aus dem Lateinischen und bedeutet "Unvernunft". Die Krankheit führt zum Verlust des Kurzzeit- und später auch des Langzeitgedächtnisses. "Sie lässt die Vergangenheit verlöschen, zerstört die Orientierung in der Gegenwart und nimmt die Zukunft", heißt es beim "Zukunftsforum Demenz" in Frankfurt.

Demenz nicht automatisch im Alter

Die Krankheit tritt vor allem bei alten Menschen auf, Zahlenschätzungen gehen weit auseinander. Bei 65- bis 69-Jährigen sind demnach erst unter zwei bis fünf Prozent betroffen, bei über 90-Jährigen dagegen mehr als jeder Dritte oder sogar die Hälfte. Die "Verkalkung" gehört danach zum Alter nicht automatisch dazu, die Zahl der Demenzkranken wächst aber bei steigender Lebenserwartung und einer steigenden Zahl alter Menschen deutlich.

Derzeit wird die Gesamtzahl der Betroffenen auf 1 bis 1,2 Millionen geschätzt. Prognosen für 2050 reichen von 1,5 bis 2,3 Millionen, das "Zukunftsforum Demenz" rechnet sogar schon bis 2030 mit 2,5 Millionen Kranken. "Die Zahlen sind mit Vorsicht zu genießen", warnt der Pflegeexperte beim AOK-Bundesverband in Bonn, Harald Kesselheim. Denn die Entwicklung der Medizin sei über mehr als 20 oder gar 40 Jahre nicht absehbar.

Es muss etwas passieren

Schon die vorsichtigen Schätzungen zeigen nach Überzeugung der Parteien aber, dass in der Pflegeversicherung etwas passieren muss. Feste Leistungsversprechen fallen den Politikern schwer, denn angesichts der wackeligen Zahlen ist kaum absehbar, was dies später kosten wird. Angedacht ist eine neue "Pflegestufe Null" mit einer Pauschalleistung von 100 bis 200 Euro monatlich. Sie könnte die bisherige Pauschale von 460 Euro im Jahr ablösen, die die Pflegekassen seit 2002 Demenzkranken bei "eingeschränkter Alltagskompetenz" bezahlen.

Hintergrund des Problems ist der enge Pflegebegriff der Pflegeversicherung. Berücksichtigt wird dort überwiegend die Grundpflege, etwa Hilfe beim Waschen und Anziehen. Aufsicht, Erinnerungen oder Anleitung, wie es Demenzkranke, aber auch viele geistig Behinderte vorrangig brauchen, bleiben außen vor. Mehr als jeder vierte Demenzkranke bekommt nach einer 2005 veröffentlichten Studie daher gar keine Leistungen der Pflegeversicherung, die meisten anderen lediglich nach Stufe I. Eine Änderung dieses engen Pflegebegriffs käme teuer. In Berlin wird daher zunächst über einen entsprechenden Modellversuch nachgedacht. (Von Martin Wortmann, AFP)