Der Tagesspiegel : Pflücken und reinbeißen: Erdbeeren, groß wie Hühnereier

Auf den Brandenburger Bauernhöfen hat die Obstsaison begonnen. Das gute Wetter hat die Früchte riesengroß werden lassen

Claus-Dieter Steyer

Plessow. Der Blick auf den Tisch am Eingang zum Obstbauern Stefan Lindicke in Plessow bei Werder macht zunächst skeptisch. Die hier in Körben wie zur Parade ausgestellten und riesengroßen Erdbeeren können doch niemals hier gewachsen sein, sagt einem die Erinnerung an die kürzlich auf einem Markt gekauften arg mickrigen Exemplare. Deren Verkäufer hatte irgend etwas was von schlechtem Wetter und großen Ernteausfällen erzählt und jeden Zweifel an der Herkunft der Früchte zurückgewiesen. Der Karton sage doch alles, meinte der Mann und wies auf den Schriftzug „Obst aus Werder“.

Stefan Lindicke, der seit sieben Jahren Obst und Gemüse anbaut, winkt bei solchen Geschichten nur ab. „Da sind Sie bestimmt an einen Betrüger geraten, der importierte Früchte in andere Kartons umgeschichtet hat. Mit dem guten Namen von Werder machen solche Händler immer wieder gute Geschäfte“, sagt der junge Geschäftsführer. „Das gleiche gilt für die jetzt schon als ‚Kirschen aus Werder‘ verkauften Produkte. Aber die Ernte beginnt erst am Wochenende.“

Und was die Erdbeeren betrifft: „Sie werden genau solche Prachtstücke finden, wie die, die wir hier ausgestellt haben“, versichert der Chef. Er drückt dem Gast einen Korb in die Hand und wünscht viel Spaß auf der Plantage. Und wirklich, dort hängen sie – feuerrot und glänzend. Mindestens jede dritte von ihnen kann in der Größe mit einem Hühnerei (!) konkurrieren. Großmutter hatte über die Erdbeeren in ihrem Garten immer gesagt: „Je kleiner, desto süßer.“ Doch sie hatte unrecht. Zwischen groß und klein besteht bei den Früchten aus Werder überhaupt kein Unterschied.

„Die Hitze der vergangenen Tage und der Gewitterregen waren Gold wert“, ruft eine vier Reihen entfernte Frau herüber. Gleichwohl bleibt auf diesem Feld am Rande von Plessow der Korb erstmal für längere Zeit leer: Was hier einer sofort verspeist, braucht er nicht zu bezahlen. Also stillt er zunächst ausgiebig seinen Appetit.

Das Bücken ist übrigens weniger anstrengend als gedacht. Einmal in der Hocke, erreichen die Hände gleich mehrere Pflanzen im Umkreis. In weniger als zehn Minuten ist so ein Korb gefüllt. Nur etwas Dreck hat sich unter den Fingernägeln angesammelt. An der Kasse kostet das Kilo selbst gepflückter Erdbeeren „zwischen 2,50 und drei Euro“, sagt Geschäftsführer Lindicke – auf den Cent abgerechnet wird hier nicht. Pflückt man nicht selbst, sondern kauft die Früchte Laden des Hofes, kostet das Kilo um die fünf Euro.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben