Phantomschmerzen : Unsichtbare Qual

Stephen Sumner wurde vor fünf Jahren ein Bein amputiert, seitdem hat er Phantomschmerzen Trotzdem fährt er weiter mit dem Fahrrad um die Welt. Seine Geschichte kommt jetzt ins Kino.

Saskia Weneit
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Zwei Räder und ein Bein. Stephen Sumner ist amputiert worden und trägt eine Prothese. Das hindert ihn nicht daran, Rennrad zu...Foto: Mike Wolff

Auf 2114 Metern hat Stephen Sumner den höchsten Straßenpass der Pyrenäen auf dem Rennrad überquert, den Col de Tourmalet. Jetzt kommt der Kanadier die Münzstraße in Mitte entlanggeradelt, schwingt sich aus dem Sattel und dehnt sein linkes Bein – bis es piept. Unter der hochgekrempelten Hose ist statt eines Knöchels eine Hightech-Beinprothese zu sehen. Das Piepen zeigt an, dass sie wieder im „Gehmodus“ ist. „Es ist sehr unbequem, wenn ich vergesse, das umzustellen“, sagt Sumners, der nach Berlin gekommen ist, um einen Film vorzustellen: Seine Lebensgeschichte ist ab 30. April im Kino zu sehen. Til Schweiger spielt Sumner, dem vor rund fünf Jahren das Bein nach einem Verkehrsunfall in Italien amputiert wurde. Und der sich dadurch nicht davon abhalten ließ, mit seinem Rennrad weiter durch die Welt zu touren. Für die Dreharbeiten war Sumner sechs Monate in Berlin. Titel des Films: Phantomschmerz. Darunter leidet Stephen Sumner.

Während er sein Rad an einer Laterne anschließt, verzieht er ein bisschen das Gesicht und zeigt auf seinen linken Schuh. „Pocht ganz schön da drin", sagt der 49-Jährige. Fühlen sollte er da eigentlich nichts mehr. „Das ist nichts Ungewöhnliches. Es geht 60 bis 90 Prozent der Menschen so, denen ein Körperteil amputiert wurde“, sagt Uwe Kern, Facharzt für Allgemeinmedizin und Spezielle Schmerztherapie vom Schmerz- und Palliativzentrum in Wiesbaden. Jährlich werden rund 70 000 Menschen in Deutschland amputiert, schätzt der Verein Amputierten-Initiative. Insgesamt gibt es rund 250 000 Amputierte in Deutschland.

Zu Uwe Kern kommen viele von ihnen, entweder weil sie Schmerzen oder andere Empfindungen in dem amputierten Glied haben – Phantomschmerzen. Viele seiner Kollegen würden ihre Patienten nicht ausreichend aufklären, bemängelt Kern: „Es passiert nicht selten, dass die Patienten nach dem Eingriff aufwachen und sich wundern, warum das Bein noch da ist – sie fühlen es ja noch. Wenn sie dann unter die Decke gucken, kommt der Schock.“ Meist fühlen sie ein Brennen, Pochen oder einen einschießenden elektrisierenden Schmerz.

Aber wie geht das eigentlich, Empfindungen in einem Körperteil zu haben, das gar nicht mehr da ist? Hauptursache ist, dass die Nervenzellen im Gehirn, die für das amputierte Glied zuständig waren, noch da sind. „Die sind jetzt arbeitslos“, sagt Kern. Hier liegt das Problem. Den arbeitslosen Zellen fehlt der Input und sie übernehmen die Impulse anderer Hirnregionen. Die Zellen werden stimuliert und senden Signale. Der Phantomschmerz entsteht also im Gehirn, ein Übertragungsfehler. „Das kann sofort nach der Operation auftreten, aber auch erst Jahre später“, sagt Experte Kern. Außerdem erinnern die Nerven die Schmerzen, die in dem Körperteil waren, kurz bevor es amputiert wurde.

„Es ist doch Irrsinn, da leidet man Höllenqualen in einem Körperteil, das schon längst entsorgt wurde", sagt Sumner. Bei der Frage, was schlimmer sei, der Verlust des Beins oder der Phantomschmerz, antwortet er: der Phantomschmerz. „Das erste Jahr war die Hölle. Die Schmerzattacken kamen alle paar Sekunden. An richtig schlechten Tagen fehlte nicht viel, um allem ein Ende zu machen", sagt Sumner.

Trotz der Qual hat er nicht aufgegeben. Das habe auch an der Unterstützung durch Freunde und Familie gelegen – und an seiner Leidenschaft für den Sport. „Ich wollte unbedingt diese Hightech-Prothese, mit der ich auch wieder Radfahren kann“, sagt er. Inzwischen hat er zwar immer noch Beschwerden, der Schmerz wurde aber weniger und seltener. Das wichtigste war für Sumner: „Ich hatte überlebt.“ Er fragte sich nie: „Warum ich“. Ein Freund habe nicht fassen können, „wie ich so glücklich sein konnte“, erinnert sich Sumner und muss lachen. Dieser Freund heißt Matthias Emcke und ist Regisseur. Er war von der Geschichte seines Freundes so berührt, dass er sie verfilmte: Gemeinsam mit Sumner schrieb er das Drehbuch. Der Film ist weitgehend authentisch, doch die Handlung wurde nach Berlin verlegt.

Wenn Sumners gerade keine Radtour macht, engagiert er sich inzwischen bei der Organisation „End the Pain“, die in Krisenregionen Menschen mit Phantomschmerz hilft. Das ist gar nicht so schwierig: „Es gibt eine sehr effektive und billige Methode, um den Phantomschmerz zu lindern. Man braucht nur einen Spiegel“, sagt Sumner. Bei der Therapie werden die irritierten Zellen im Gehirn ausgetrickst: Der Patient stellt einen Spiegel so neben das noch existierende Körperteil, dass es gespiegelt wird und damit so aussieht, als wäre es das Fehlende.

Die Augen täuschen nun das Gehirn. „Jetzt kann der Patient so tun, als wäre der Arm oder das Bein noch da. Er kann es sogar bewegen und die schmerzenden Stellen berühren, zumindest hat er dieses Gefühl“, erklärt Herta Flor, Professorin für Neuropsychologie und Klinische Psychologie der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg. Die Illusion steigert das Wohlbefinden. „Die Zellen im Gehirn haben dann wieder ihren alten Job“, erklärt Flor, die die Methode weiter erforscht. Denn noch ist der Effekt nicht dauerhaft. „Manche Amputierte haben auch das Gefühl, ihr Phantomglied sei schrecklich verdreht oder stehe in die Luft. Andere meinen, es sei länger oder kürzer als früher“, sagt Flor. Mit dem Blick im Spiegel kann diese Empfindung korrigiert werden. Es gibt auch Medikamente dagegen, die allerdings nur den Schmerz dämpfen, aber nicht seine Ursache bekämpfen.

Gegen den Phantomschmerz kann aber auch das Tragen einer Prothese helfen: „Je häufiger man sie benutzt, desto weniger wird der Phantomschmerz“, sagt Schmerzexperte Kern. Sie stimuliert die übrig gebliebenen Nerven am Stumpf. Hier setzen neue Forschungen an. Thomas Weiß, Professor für Biologische und Klinische Psychologie der Universität Jena, entwickelt mit einem Team eine Prothese, die ein „Feedback“ an die Nervenzellen im Gehirn sendet. „Es wirkt, den Probanden ging es besser“, sagt Weiß. In den nächsten zweieinhalb Jahren soll ein Prototyp fertig sein.

Dass Sumners wieder so gut mit seinem Leben zurechtkommt, liegt auch daran, dass er seine Prothese intensiv nutzt und als zweites Bein akzeptiert hat. Er ist immer in Bewegung. Heute lebt er in Mexiko, schreibt, lernt surfen und plant die nächste Reise – mit dem Fahrrad natürlich. „Rennrad fahren – das ist Freiheit“, sagt er. Dann stellt er mit einem Schraubschlüssel den „Fahrradmodus“ an der Prothese ein und fährt davon.

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