Pharmabranche : Epo-Hersteller im Zwielicht

Ein US-Pensionsfonds wirft dem Weltmarktführer Amgen Schädigung von Patienten vor. Epo soll falsch eingesetzt worden sein und sogar zum Tod bei Patienten geführt haben.

Sönke Iwersen
Epo-Hersteller
Wurden Amgen-Medikamente falsch eingesetzt? -Foto: ddp

DüsseldorfKurz vor dem Start der Tour de France überschattet der Doping- Skandal um das Blutmittel Epo das wichtigste Radsportereignis der Welt. Jetzt bringt eine neue Klagewelle auch die Produzenten des Medikaments unter Druck. Der US-Pensionsfonds UFCW beschuldigt den weltgrößten Epo-Hersteller Amgen, sich auf Kosten und zum Schaden von Patienten bereichert zu haben. In einer Klageschrift, die dem Handelsblatt vorliegt, wirft UFCW dem US-Konzern vor, Ärzten behördlich nicht genehmigte Anwendungen von Epo empfohlen zu haben. Epo sei bei Krebspatienten eingesetzt worden, bei denen es nicht heilt, sondern zu Nebenwirkungen oder gar zum Tod führen könne.

„Wir haben mit einer solchen Klage gerechnet und wir erwarten noch mehr“, sagt Mark Schönebaum, Biotechanalyst der Investmentbank Bear Stearns. Die Aussichten des Fonds, Ausgaben für nicht angezeigte medizinische Therapien zurückerstattet zu bekommen, seien zwar ungewiss. Wichtiger seien aber die verschlechterten Wachstumsaussichten für Amgen bei der Behandlung von Krebspatienten. Der führende Epo-Forscher Horst Pagel bezeichnet die Klage als bedeutsam für die ganze, fast zwölf Milliarden Dollar schwere, Epo-Branche. „Hier geht es darum, ob der halbe Markt wegbricht.“

Mit Epo wird Blutarmut behandelt. 80 bis 90 Prozent aller westlichen Dialyse-Patienten spritzen sich den Wirkstoff. Daneben gibt es noch ein riesiges, unerschlossenes Therapiefeld: Krebs. Nach Einschätzung der Pharmaindustrie kommen allein in Europa zwei Millionen Krebspatienten mit Blutarmut für eine Epo-Therapie in Frage. Acht Prozent davon würden bisher damit behandelt.

Epo galt deshalb als gigantischer Wachstumsfaktor. Die Biotech-Analysten der Deutschen Bank prognostizierten im vergangenen September, die Umsätze würden sich bis 2012 mehr als verdoppeln. Den Markt beherrschen das US-Duopol Amgen und Johnson & Johnson. An dritter Stelle liegt Roche. Novartis und Stada wollen mit ihren Epo-Nachahmer-Produkten noch in diesem Jahr auf den Markt kommen. Durch die Klagewelle gegen Amgen könnten auch die europäischen Hersteller unter Druck geraten. Amgen erwirtschaftet mit seinen beiden Epo-Blockbustern Epogen und Aranesp fast die Hälfte seines 14 Milliarden Dollar Umsatzes. Allein der Verkauf von Aranesp, das bei Krebspatienten eingesetzt wird, ist im vergangenen Jahr um 27 Prozent gestiegen. Die Klage des US-Fonds zeigt jetzt ein Problem auf, vor dem Wissenschaftler seit Monaten warnen: Epo wird bei zu vielen Patienten und in zu hohen Dosen angewendet. Und bei Krebspatienten könnte es sein, dass der Wirkstoff nicht hilft, sondern tötet.

Im Oktober 2006 brachen dänische Wissenschaftler eine Epo-Studie bei Krebspatienten ab. Denn in der Aranesp-Gruppe starben mehr Patienten als in der Gruppe, die mit Placebos behandelt wurde. Amgen informierte im Dezember 2006 die US-Gesundheitsbehörde FDA, nicht aber seine Aktionäre. Die erfuhren erst Ende Januar von der Entwicklung, als Amgen in einer eigenen Studie zu ähnlich schlechten Ergebnissen kam. Weitere kritische Studien trieben die Anleger zu massiven Verkäufen. Die FDA gab im März eine Warnung heraus, die Medikamente nur innerhalb der strengen Zulassungsgrenzen zu verschreiben.

Inzwischen liegen von Aktionären mehr als ein halbes Dutzend Massenklagen gegen den Biotech-Konzern vor. Sie werfen Amgen vor, kursrelevante Informationen bewusst zurückgehalten zu haben. Die US-Finanzbehörde SEC und der US-Kongress ermitteln. Amgen teilte dem Handelsblatt mit, man nehme die Klagen ernst, wolle sie aber im Detail nicht kommentieren. Nach eigener Einschätzung habe Amgen die Offenlegungspflichten erfüllt.

Doch bei Analysten und Medizinern wachsen die Sorgen. Die Investmentbank Lazard empfiehlt, Amgen-Aktien zu verkaufen. „Epo wurde und wird viel zu liberal verschrieben, auch in Deutschland“, sagt Wolf-Dieter Ludwig, Chef der Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft. HB