Der Tagesspiegel : Pilzsaison: Sammler warten auf beschlagene Autoscheiben

Claus-Dieter Steyer

Fliegende Händler auf den Märkten und an den Straßen sowie viele geparkte Autos an Waldwegen sind untrügliche Zeichen für den nahenden Höhepunkt der Pilzsaison. Das derzeitige Hochdruckwetter scheint ideal für eine reiche Ernte zu sein. "Wenn morgens die Autoscheiben beschlagen sind, lohnt sich der Weg in den Wald auf jeden Fall", sagt Pilzexperte Holger Görlitz aus Gräbendorf bei Königs Wusterhausen. Denn dann sei die Nacht kühl und vor allem feucht gewesen. Die Nässe im Boden brauche das Pilzgeflecht zum Wachsen. Starker Regen allerdings würde nach Meinung des Fachmannes den Kulturen schlecht bekommen. Er begünstige den Faulprozess und das Wachstum der Maden.

Keine Erklärung hat Holger Görlitz für die gerade in Brandenburg weit verbreitete Auffassung, dass der Vollmond das Wachstum der Pilze stark befördere. "Wissenschaftlich ist da nichts dran", sagt er. Der Pilzverkäufer an einer Autobahnraststätte kurz vor Berlin schwörte gestern allerdings auf den Einfluss des Mondes. "Schauen Sie in die vollen Körbe mit Steinpilzen, Maronen und Pfifferlingen. Unsere ganze Familie ist in den Mondnächten unterwegs, dann da wachsen die Pilze am besten", meinte der Mann. Der Experte Görlitz schmunzelte beim Erzählen dieser Episode. Pilze würden rund um die Uhr gedeihen. Der Drang der Menschen, möglichst früh am Morgen die Wälder zu durchstreifen, hänge einzig und allein mit dem Wettbewerb zusammen. Wer zuerst komme, fände schließlich die größte Auswahl.

Allerdings fällt es nicht immer leicht, die essbaren von den giftigen Pilzen zu unterscheiden. In Brandenburg wird am häufigsten der "gute" Perlpilz mit dem "schlechten" Pantherpilz verwechselt. Zu DDR-Zeiten existierten in allen größeren Orten Pilzberatungsstellen, die die Körbe der Sammler durchstöberten. Heute sind vor allem Förstereien, Naturparkverwaltungen und das Haus des Waldes in Gräbendorf bei Königs Wusterhausen (Tel. 033 763/64444) Anlaufstellen für Ratsuchende.

Als Geheimtipp haben sich in den vergangenen Jahren die ehemaligen Truppenübungsplätze rund um Berlin unter Pilzfreunden einen Namen gemacht. Hier konnten sich die unterirdischen Pilzgeflechte über Jahrzehnte ungestört entwickeln. Allerdings sollten die Sperrschilder beachtet werden. In Wünsdorf, südlich Berlins bei Zossen an der B 96, und in der Döberitzer Heide am westlichen Stadtrand werden Sammler aber auch schon vor den Schlagbäumen fündig: zwei Dutzend Maronen und Steinpilze sind hier oft schnell gesammelt. Die Polizei warnt nicht nur bei der Suche selbst zur Vorsicht. Einige Autodiebe und -knacker haben sich gerade auf die am Waldrand abgestellten Fahrzeuge spezialisiert. Deshalb sollten sich Autofahrer nicht zu weit von ihren Wagen entfernen.

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