Der Tagesspiegel : Platzeck ahnt eine "schlimme Wahrheit"

THORSTEN METZNER

POTSDAM .Das umstrittene "Potsdam-Center" am Stadtbahnhof gerät erneut in die Schlagzeilen: Die H.F.S Immobilienfondsgesellschaft der Hypobank, der neue Eigentümer der bereits im Bau befindlichen "Bahnhofspassagen" des Milliardenprojektes, fühlt sich nicht an die Zusagen der vorherigen Investoren zur Beschränkung der Verkaufsfläche auf 12 500 Quadratmeter gebunden.

Dies wurde auf einer Zusammenkunft der Potsdamer Innenstadt-Investoren mit dem SPD-Oberbürgermeisterkandidaten Matthias Platzeck bekannt.Platzeck forderte am Mittwoch die Stadtverwaltung und die neuen Investoren des Potsdam-Centers auf, "endlich alle Karten" über die derzeit errichtete und genehmigte Verkaufsfläche auf den Tisch zu legen."Manchmal kann es besser sein, auch eine schlimme Wahrheit rechtzeitig zu erfahren", sagte Platzeck.

Damit erhalten die Befürchtungen von Einzelhandelsverband, Innenstadt-Investoren, Industrie- und Handelskammer, Bürgerinitiativen und allen Rathausparteien neue Nahrung, daß im Potsdam-Center doch 25 000 Quadratmeter Einkaufsfläche - fast soviel wie in der gesamten Innenstadt - gebaut werden.Dies würde, so die einhellige Befürchtung, zu einer Verödung der Innenstadt führen.

Auf Vermittlung von Platzeck wird am Donnerstag ein Spitzengespräch von Roland Ernst mit einer Abordnung der Innenstadt-Investoren stattfinden, die sich von der Stadt und der Ernst-Gruppe getäuscht fühlen.Das Rathaus geht dagegen, so Stadtplanungschef Andreas Goetzmann unter Berufung auf ein HFS-Schreiben, weiter davon aus, daß es bei 12 000 Quadratmeter Handelsflächen bleibt.Die HFS versucht nach Erkenntnissen der Innenstadt-Investoren jedoch, weiterhin 24 000 Quadratmeter Verkaufsfläche zu vermieten und zwar auch - ebenfalls entgegen Zusagen der damaligen Investoren - an kleine Geschäfte.Nach HFS-Angaben sind inzwischen 57 von 88 geplanten Läden vermietet.

Die Obergrenzen-Vereinbarung von 12 000 Quadratmeter war nach massiven Druck von Innenstadt-Investoren, Einzelhandelsverband (sowie Protesten der UNESCO gegen das Gesamtprojekt) im März 1997 auch von der Roland-Ernst-Gruppe als damaligen Hauptinvestor unterzeichnet worden, außerdem vom damaligen Oberbürgermeister Gramlich, der Deutschen Bahn AG und der Landesentwicklungsgesellschaft Brandenburgs."Man hat uns offenbar ausgebootet", sagte Michael Schöne, ein Sprecher der Potsdamer Innenstadt-Investoren.Die Initiative ist Zweckbündnis, zu dem sich etwa 70 in der Potsdamer Innenstadt tätige Projektentwickler, Hausbesitzer, Immobiliengesellschaften und Bauträger zusammengeschlossen haben.

Als "skandalöses Geschäftsgebahren" bewerten die Innenstadtinvestoren, daß die Roland-Ernst-Gruppe im März 1997 diese Vereinbarung unterzeichnete, die die Wogen um das auf der Kippe stehende Projekt zeitweise glättete - obwohl sie die zentralen Bahnhofspassagen-Baufelder längst, nämlich im Dezember 1996 an die Hypobank-Gesellschaft weiterverkauft hatte.Es mehren sich die Hinweise, daß auch die Potsdamer Stadtverwaltung zu diesem Zeitpunkt wußte, daß die Vereinbarung damit möglicherweise Makulatur war.HFS sieht jedenfalls für eine nachträgliche Unterschrift nach eigenen Angaben - so ein Schreiben von Gramlich an die Innenstadt-Investoren vom April 1998 - keinen Grund.

Nach übereinstimmenden Aussagen aller Rathausparteien war jedoch diese Vereinbarung eine Grundbedingung für alle weiteren Zustimmungen des Potsdamer Stadtparlaments für das Projekt.Um die Ausweitung der Verkaufsflächen am Potsdam-Center doch zu verhindern, wollen die Innenstadtinvestoren - als letztes Mittel - die Möglichkeit einer "Veränderungssperre" prüfen.

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