Der Tagesspiegel : Pleite im gefeierten Modellprojekt

CLAUS-DIETER STEYER

Baustopp in der Oranienburger "Weißen Stadt" nach Konkurs der federführenden FirmaVON CLAUS-DIETER STEYER ORANIENBURG.Die Bauwagen sind verwaist, Gitterzäune versperren den Weg, Wachschutzleute patrouillieren Tag und Nacht: Weite Teile der einst als einzigartiges Modellprojekt gefeierten "Weißen Stadt" in Oranienburg gleichen einem Geisterort. Die Firma Kesting Fertigbau GmbH & Co KG Berlin hat Konkurs anmelden müssen.Seit Wochen warten örtliche kleine Bauunternehmen auf ihr Geld.Alle Arbeiten ruhen.Der Wachschutz soll im Auftrag von Banken eine Plünderung der teilweise bezugsfertigen Wohnungen verhindern.Die Weiße Stadt war in den 30er Jahren als Wohnstätte für die Beschäftigten der Heinkel-Flugzeugwerke entstanden.1945 zog hier eine sowjetische Hubschraubereinheit ein. Firmenchef Klaus Kesting aus dem westfälischen Lünen war vor vier Jahren mit der Weißen Stadt ein einmaliger Coup gelungen.Er hatte noch während der Anwesenheit der russischen Soldaten mit dem Umbau der Kasernen zu fast 900 Sozial- und Eigentumswohnungen begonnen.Der Bürokratie konnte so ein Schnippchen geschlagen werden.Denn während sich allerorten die Beamtenmühlen erst nach dem Abzug der Militärs langsam zu drehen begannen, wurden in Oranienburg sozusagen unter Aufsicht der Soldaten die ersten Schaufeln geschwungen.Ein langer Leerstand konnte so verhindert werden.Die Militärs stimmten begeistert zu.Sie konnten im Tausch für ihr Entgegenkommen deutsche Wohncontainer in ihre neuen Standorte in den russischen Weiten mitnehmen und erhielten gratis einen Kurzlehrgang im Bauwesen. Kesting machte auch seinen Schnitt.Denn für das riesige Gelände inmitten von Oranienburg zahlte er für eine 60 000 Quadratmeter große Fläche nur die symbolische Mark.Für die Sanierung kassierte obendrein noch viele Millionen Mark Fördermittel vom Bauministerium für die 400 Sozialwohnungen.Von bis zu 56 Millionen Mark ist in Oranienburg die Rede.Für den jetzt gestoppten 4.Bauabschnitt waren allein 13 Millionen Mark bewilligt.Vier Millionen Mark stehen noch aus.Die hat das Bauministerium vorsorglich auf Eis gelegt.Zuerst müßten die von Kesting beauftragten Subunternehmer bezahlt werden, erklärte ein Sprecher. Die Außenstände sind beträchtlich.Ein Berliner Heizungsinstallateur wartet beispielsweise auf 200 000 Mark, ein Oranienburger Heizungsbauer auf 266 000 Mark und eine Transportfirma auf 316 000 Mark.Ein Firmenchef kündigte einen Hungerstreik an, wenn er nicht an sein Geld komme. Am Sitz der Kesting-Firma in Berlin-Spandau klebt an den Türen bereits ein neuer Name: Kefe GmbH &Co.KG.Die Firmenzentrale Lünen, die vom Vater von Klaus Kesting geleitet wird, bestätigte den Konkurs."Die in der Höhe nicht erwarteten kurzfristig aufgetretenen Verluste und Liquiditätsprobleme haben trotz erheblicher Einlagen aus dem Privatvermögen von Herrn Dr.Klaus Kesting keine andere Möglichkeit als den Gang zum Konkursrichter gelassen", hieß es.Die Liquiditätsprobleme hätten ihre Ursache auch in der anhaltenden Strukturkrise der Bauindustrie.Auf Nachfrage sagte ein Firmensprecher, daß man das Vorhaben fortführen wollen.Ein Termin steht nicht fest.

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