Podiumsdiskussion : Identität als Puzzle

Wer dazugehört oder ausgeschlossen wird, bestimmen die Mächtigen. Eine Diskussion an der FU.

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Die Veranstaltung fing erst richtig an, als sie infrage gestellt wurde. „Ich finde, es wird viel zu viel über Identität geredet“, sagte Homi K. Bhabha. „Das ist kein wichtiges Konzept.“ Da ging es bereits seit etwa einer Stunde genau darum: „Wer sind wir? Identität und Identitätspolitik heute“ war die Podiumsdiskussion überschrieben, zu der das „Humanities Center“ der FU geladen hatte. Und der  Philosoph aus Harvard setzte noch eins drauf: Das Problem werde überhaupt erst geschaffen, wenn man sich darauf konzentriere. Die Frage nach der „Identität“ vereinfache weit kompliziertere Sachverhalte und leugne die Konflikte, die es auch in Gruppen gebe, auf denen das Etikett der einen Identität klebe – Muslime, Juden, Migranten. „Ist es nicht besser, diesen Riesenbegriff aufzulösen?“, fragte Bhabha.

Es waren vor allem die Teilnehmer von außerhalb Deutschlands, die den Begriff produktiv zerbröselten: Esiaba Irobi von der School of Theatre der Ohio University erzählte von seinem Geburtsland Nigeria, „einem Land, in dem es so viele Staatsstreiche gab – was heißt da Staatsbürgerschaft?“. Die aus Korea stammende FU-Wissenschaftlerin Eun-Jeung Lee berichtete vom alten und anhaltenden Ringen ihres Landes zwischen der Orientierung an China oder dem Westen. Inzwischen pflücke sich jeder sein Stück aus dem Angebot, die „Identität Koreas“ werde je nach Regierung neu definiert. „Identität hat viel mit Manipulation zu tun. Es wäre viel erreicht, wenn wir da mehr Transparenz hineinbringen könnten.“

Akeel Bilgrami, Philosophieprofessor an der Columbia-Universität, wies darauf hin, dass seit den Zeiten des Westfälischen Friedens ein Nationalgefühl stets durch die Ausgrenzung von Minderheiten erzeugt wurde. „Säkularismus und Multikulturalismus wurden erfunden, um dies zu korrigieren“, sagte Bilgrami.

Manipulation, Ausgrenzung durch das Reden über „Identität“ – worüber also stattdessen reden? Die Antwort des Podiums war, in wechselnden Begriffen, bald klar: Es geht um Macht. „Identität wurde von denen erfunden, die die Macht haben, die Dinge zu benennen“, sagte Esiaba Irobi. Die Mächtigen könnten auch „die Identität der Nichtigkeit“ über jene verhängen, die keine Erwähnung wert sein sollen. Es gehe um Autorität statt um Identität, sagte Homi K. Bhabha, darum, wer den öffentlichen Angelegenheiten seinen Stempel aufdrücken dürfe und wer nicht. Akeel Bilgrami hatte es zuvor so formuliert: Die Frage sei doch, wer als unterworfene Minderheit herhalten müsse, als „Extraterritoriale“, von denen der dominierende Teil der Gesellschaft sich abgrenzt – und sich so erst definiert.

Identität, sagte der Historiker Dan Diner (Leipzig/Jerusalem), sei in der Tat „kein analytisches Konzept, sondern ein Problem, dem man zu Leibe rücken müsse“. Doch ein bisschen Konzept, ein paar Definitionen blieben am Ende der Debatte von jenem problematischen Begriff übrig: Identität sei „work in progress“, meinte Esiaba Irobi, und entstehe, ständig umgebaut und infrage gestellt, durch das, was man hinter sich habe. Von „Mischkulturen“ sprach die türkischstämmige Düsseldorfer Familienanwältin Gülsen Celebi – die man hierzulande, statt sie zu nutzen, nicht möge und zur Entmischung zwinge, etwa durch die Entscheidung für eine einzige Staatsangehörigkeit. Dan Diner erklärte die „Identität“ europäischer Juden in der Neuzeit als Prozess, den heute auch viele Türken in Deutschland durchlebten: „Diese Menschen verhandelten mit sich selbst: Als Kollektiv waren sie Überbleibsel der Vormoderne. Individuell waren die Pioniere der Moderne. Das muss man erst einmal aushalten.“

Und man könnte auch einmal, schlug Homi K. Bhabha vor, statt auf Unterschiede auf Gemeinsamkeiten sehen – und so zu verblüffenden Einsichten gelangen: „Wo in der Welt treffen sich schließlich Menschen und haben nichts, aber auch gar nichts gemeinsam?“ 

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