Politik : ...55 Jahre beginnen

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Wir verstehen das Amerika von George W. Bush an jedem einzelnen Tag ein bisschen weniger. Hören Sie heute die Geschichte des RapProduzenten Weldon Angelos, 25 Jahre alt, nicht vorbestraft, verheiratet, Vater von zwei Söhnen.

Weldon Angelos ist ein erfolgreicher Geschäftsmann, er produziert zum Beispiel den Rapstar Snoop Dogg. Allerdings wurde er in Salt Lake City, im Staat Utah, beim Handel mit kleineren Mengen Marihuana erwischt. Es ging um drei Fälle. Angelos besitzt mehrere Schusswaffen, wie zahlreiche seiner wohlhabenden oder auch weniger wohlhabenden Mitbürger, dank der liberalen Waffengesetze, für die sich unter anderem George Bush so sehr einsetzt. Eine davon hatte er bei dem Deal dabei.

Vor ein paar Tagen wurde Weldon Angelos zu einer Haftstrafe von 55 Jahren verurteilt. Im Falle guter Führung könnten ihm davon zwei Jahre erlassen werden, das heißt, er kommt frühestens zu seinem 78. Geburtstag wieder in Freiheit.

Der Richter, ein Mann namens Paul Cassell, tat etwas sehr Ungewöhnliches. Er nannte sein eigenes Urteil in der Begründung „ungerecht, grausam und unvernünftig". Aber die Rechtslage lasse ihm keine andere Wahl. In Utah muss jeder Dealer, der beim Drogenhandel eine Waffe dabei hat, im ersten Fall zu fünf Jahren, in jedem weiteren zu 25 Jahren verurteilt werden, und zwar ohne Rücksicht auf Menge und Art der Drogen, darauf, ob die Waffe benutzt wurde, auf die Person des Angeklagten, auf sein Vorstrafenregister, sein Lebensalter oder sonst etwas. Es geht sozusagen automatisch. Richter Cassell erinnerte an ein paar andere Urteile, die in letzter Zeit in Utah gefällt wurden: Der Vergewaltiger eines zehnjährigen Mädchens bekam elf Jahre, ein Flugzeugentführer 25, ein Mörder 30. Da stimme doch mit den Proportionen etwas nicht. Weldon Angelos, riet der Richter, solle im Namen der Vernunft ein Gnadengesuch an den Präsidenten richten, an George Bush.

In den Bundesgefängnissen der USA sitzen inzwischen mehr als die Hälfte aller Gefangenen wegen Drogendelikten, zum Teil läppischen. Konservative Abgeordnete sichern ihre Wiederwahl, indem sie immer drakonischere, immer absurdere Strafen durchsetzen. Es findet eine Art Wettbewerb statt: Wer hat die verrücktesten Gesetze. Was an einer solchen Justiz christlich oder moralisch sein soll? Ganz einfach. Straftäter werden dort, im Gegensatz zu gewissen anderen Ländern, nicht gesteinigt.

Der Staatsanwalt sagte, das Urteil sei fair. Ein Gnadengesuch im Namen der Vernunft habe nicht die geringste Chance. mrt

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