Politik : ... Aachen im Osten liegt

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Es ist heute ungemütlich in Deutschland, es zieht. Die Menschen vertragen sich nicht. Verteilungskämpfe. Peer Steinbrück meldet sich, der Ministerpräsident von NordrheinWestfalen. Er sagt: Auch Nordrhein-Westfalen muss in Zukunft in den Genuss von Ostförderung kommen, von Geld aus dem Solidarbeitrag. Moment mal, Aachen, eine Oststadt? Das Geld, sagt Peer Steinbrück sinngemäß, ist dazu da, Probleme zu beheben. Wir haben ebenfalls Probleme. Nachweislich. So gesehen sind wir Osten. Nordrhein-Westfalen spricht sich sozusagen für eine neue Definition der Himmelsrichtungen aus, für die „Kompass IV“-Reform. „Süden“ wird in Zukunft offiziell jede Gegend genannt, wo Touristen sind und gebadet wird, zum Beispiel Sylt oder das Blubb in Berlin. Im „Norden“ wird es im Sommer nie dunkel, der Norden von NRW wäre demnach die Düsseldorfer Altstadt. Im „Westen" ist immer alles paletti. Der Westen von NRW ist natürlich das Büro von Peer Steinbrück. „Osten“ aber nennt man grundsätzlich jede Gegend, wo Probleme sind. Jedes Land und jeder Bundesbürger hat in Zukunft seinen eigenen Osten! Der Osten der deutschen Fußball-Nationalmannschaft ist ihr Sturm. Den Osten von Oskar Lafontaine bildet seine etwas zu spitze Nase. Der Osten von Regina Schmitz (64) aus Gladbeck besteht aus ihren Kontoauszügen. Ein Vertrauensbeweis unter Verliebten: „Ich zeige dir jetzt meinen Osten.“ Stoßseufzer eines Autofahrers: „Der Osten meines Autos ist sein Getriebe.“

Meinungsforscher erklären, dass Steinbrück auf diese Weise die Landtagswahl im kommenden Jahr gewinnen könnte. Wahnsinn: obwohl er in der SPD ist. Er müsste nur lange und laut genug auf den Osten schimpfen. Er müsste sinngemäß sagen: „Jedes Jahr überweisen wir denen 90 Milliarden, zum Dank veranstalten sie Montagsdemos.“ Obwohl die Leute, die auf Montagsdemos gehen, nicht gerade Milliardäre sind, und obwohl es auch nicht die Bewohner des sozialen Brennpunktes Gladbeck sind, denen die 90 Milliarden weggenommen werden. Aber das ist egal. Die Menschen in Nordrhein-Westfalen wären nicht mehr sauer auf Hartz IV oder die SPD, sie wären sauer auf den Osten. Das ist Populismus, klar. Aber wenn es in jedem Bundesland einen eigenen Osten gibt, dann gibt es vielleicht bald auch in jeder Partei eine eigene Schillpartei.

Außerdem hat der Städtebauminister von NRW ein Interview gegeben. Er sagt, dass die Ostförderung zum Teil völlig sinnlos ausgegeben wird. Für Büros, die keiner braucht, zur Sanierung von Plattenbauten, wo keiner wohnen will. Das Geld bringe zum Teil gar nichts. Warum möchten sie es in NRW dann eigentlich haben? mrt

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