Politik : ... Assad der Kriegstreiber ist und alles zu verlieren hat?

Zu Beginn des Arabischen Frühlings Anfang 2011 gab sich Baschar al Assad selbstgewiss. Syrien habe größere Probleme als viele arabische Nachbarn, sei aber stabiler. Grund dafür sei die enge Bindung seiner Führung „an die Überzeugungen des Volkes“. Wenn es einen Riss gebe zwischen offizieller Politik und den Interessen der Bürger, entstehe jenes Vakuum, das Unruhen erzeuge, belehrte der Präsident wortreich westliche Interviewpartner. Er jedenfalls habe, anders als Tunesiens Ben Ali und Ägyptens Hosni Mubarak, vom ersten Tag im Amt mit Reformen begonnen – Worte, die heute zynisch und realitätsfremd klingen.

Denn inzwischen steht Syrien vor der größten Katastrophe seiner Geschichte. Jahrzehnte von Aufbau, Entwicklung und Wohlstand sind zerstört. Am 15. März 2011 hatten die Bürger bei ihrer ersten landesweiten Massendemonstration noch versucht, sich nicht provozieren zu lassen. Wochenlang trotzten sie den Schüssen der Sicherheitskräfte, den Greifkommandos des Regimes, den systematischen Folterkampagnen.

Dieses zivile Aufbegehren jedoch ist längst Geschichte, untergegangen in einem schier endlosen Strom von Bestialität, Luftangriffen und zuletzt sogar Giftgaseinsätzen. Trotzdem kann sich der syrische Diktator in dem Bürgerkrieg nach wie vor auf Teile seines Volkes stützen, vor allem die Angehörigen der alawitischen Minderheit, aber auch Christen und Drusen sowie sunnitische Muslime, die zum Mittelstand des Landes gehören. Im eigenen Lager scheint Assads Macht daher nach wie vor unangefochten.

Seine Macht fußt auf dem seit 1971 aufgebauten Regime seines Vaters Hafez al Assad. Der Senior verfolgte die Opposition im Land mit immer brutalerer Härte. Als er vor 13 Jahren starb, hinterließ er seinem Sohn einen Machtapparat mit 17 verschiedenen Geheimdiensten. Dennoch galt Baschar zunächst als schwacher Präsident: nicht so hart wie der Vater, nicht so kernig wie der bei einem Unfall ums Leben gekommene ältere Bruder. Baschar al Assads ehemaliger Medizindozent erinnert sich an ihn als „stillen und sanften“ Studenten. Heute ist Baschar al Assad ein brutaler Herrscher, vielleicht eine Form der Emanzipation gegenüber der alten Führungsriege, die er von seinem Vater einst geerbt hat.

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