Politik : ...auch kein toter Hamster hilft

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Neuerdings kann man in England seinen Abiturschnitt aufpolieren– wenn man zu Hause seinen toten Hamster beweint (zwei Prozent besser) oder Tante Martha aus Manchester („Mama, ich dachte, die wäre schon längst tot?") gerade noch rechtzeitig vor der entscheidenden Matheklausur ihren späten Frieden gefunden hat (fünf Prozent). Mit einem bisschen Glück im Unglück, sagen wir: Als Überlebender eines häuslichen Kettensägenmassakers, bei dem es Vater, Mutter, die sieben Geschwister, die Katze und den Hund dahingerafft hat und in all dem Getümmel zu guter Letzt auch noch das Glas mit den zwölf Goldfischen ausgelaufen ist, schafft es auf der Insel also bald noch der strunzdööfste Pennäler, seine Abiturnote in den EinsKomma-Bereich herunterzu trauern. Später dann hat die globalisierte Gesellschaft solche Typen in exponierten Positionen am Hals. Sie werden Arzt oder Anwalt. Oder Politiker.

Die über jeden Zweifel erhabene unabhängige Organisation „Kampagne für wahre Bildung" hat nun diesen dubiosen Trauer-Rabatt aufs Schärfste gerügt. Die Regelung stehe für eine sich in der modernen Gesellschaft breit machende Haltung, „immer für alles eine Entschuldigung zu finden". Wohl wahr! Macht das im richtigen Leben Schule, könnten auch hier zu Lande Politiker demnächst völlig enthemmt bei jeder sich bietenden Gelegenheit mit dem häuslichen Leid jonglieren. Fünf Millionen Arbeitslose? ’Tschuldigung, sagt der Wirtschaftsminister, aber meine Mutter hatte wahnsinnige Zahnschmerzen. Schwupps, schon sinkt die Quote um fünf Prozentpunkte. Hat sich auch noch die Katze des Kanzlers die Pfote verstaucht (minus zwei), herrscht schon fast wieder Vollbeschäftigung. Ein Schritt nur noch – und eine gefährliche Form von Wolkenkuckucksheimsuchung machte sich in der Politik breit. Die Opposition wäre auf lange Sicht praktisch chancenlos, allenfalls ein mysteriöses Virus im lieben Familien- und erweiterten Freundeskreis unmittelbar vor der Wahl könnte zu einem Machtwechsel führen.

Ja, unschön das alles. Gut, dass es noch nicht ganz so weit ist und es Typen wie Wolfgang Kubicki gibt. Kubicki ist in der FDP. Er hat jüngst seine Landtagswahl in Schleswig-Holstein in den Sand gesetzt. Dann hat er nachgedacht, woran es wohl gelegen haben könnte und ist – offenkundig sind alle in der Familie wohlauf – zu dem Ergebnis gekommen: An mir selbst! Aalglatt, sei er, sagt Kubicki: „Ich habe die Ausstrahlung eines Kühlschranks. Ich brauche ein größeres Maß an Verbindlichkeit.“ Selbstgeißelung statt lauwarmer Ausflüchte. Vielleicht sollte es Kubicki irgendwann mal als Bildungsminister versuchen. Vbn

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