"Bloody Sunday" : Schüsse ins Herz

Ein Untersuchungsbericht zum "Bloody Sunday" in Nordirland hinterfragt die Rolle der britischen Armee.

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Fast 40 Jahre war der „Bloody Sunday“ für die einen eine schmerzliche Wunde, für andere eine Gewissenslast. Für Nordirlands Katholiken war das blutige „Massaker“ zu einem Fanal geworden, das drei Jahrzehnte lang den blutigen Nordirlandkonflikt schürte. 14 Demonstranten wurden bei einer Katholikendemonstration am 30. Januar 1972 in Derry von britischen Soldaten erschossen. Am Dienstag hat sich der britische Premier David Cameron im Unterhaus für das Blutbad entschuldigt. „Was passiert ist, hätte nie passieren dürfen. Einige Mitglieder unserer Streitkräfte handelten falsch. Die Regierung trägt die letzte Verantwortung für die Handlungen der Armee und deshalb bitte ich im Namen der Regierung und des ganzen Landes um Entschuldigung.“ Der Grund für die klaren Sätze nach 38 Jahren war die Vorstellung eines Untersuchungsberichts zu dem Ereignis, das der Richter Lord Saville nach zwölf Jahren Arbeit vorgelegt hat. Er war von Premier Tony Blair 1998 im Rahmen des nordirischen Friedensprozesses in Auftrag gegeben worden.

Saville kam zum Schuss, dass die 14 Demonstranten, die von Soldaten der Armee erschossen wurden, unbewaffnet waren, dass die Soldaten schlecht befehligt wurden und den ersten Schuss abgaben. Angehörige der IRA hatten auch Schüsse abgegeben – unter ihnen war auch der damalige IRA-Kommandant Martin McGuinness, der mit einer Maschinenpistole bewaffnet war, aber diese Schüsse hätten keine Rechtfertigung für den Tod unschuldiger Zivilisten gegeben. „Die Schüsse waren ungerechtfertigt und sind nicht zu rechtfertigen“, sagte Cameron. Von den 14 Toten waren sieben noch Teenager. „Wir haben so lange auf diesen Augenblick gewartet, nun sind wir am Ziel“, sagte Kay Duddy, eine der Angehörigen der Toten, die sich am Dienstag in Derry versammelt hatten. In ihrer Handtasche trug sie das Taschentuch, mit dem ein Priester versuchte hatte, das Blut ihres sterbenden Bruders zu stoppen.

Drei Tage vor dem Zusammenstoß hatte die IRA zwei Angehörige der nordirischen Polizei erschossen, die Stimmung in der Stadt war daher zum Zerreißen gespannt. Cameron bestätigte, dass Soldaten im Laufe der 12-jährigen Untersuchungen Savilles unter Eid falsche Aussagen gemacht haben könnten. Ob die Soldaten aus Notwehr handelten, ob sie auf Attacken der IRA reagierten, ob die Opfer bewaffnet waren, ob die Fallschirmjäger aus Panik oder kaltblütiger Absicht auf Befehl ihrer Kommandeure geschossen haben – diese Fragen wühlten die Nordiren seit Jahrzehnten auf. Savilles Bericht kommt zum Schluss, dass die Tötungen unrechtmäßig und unprovoziert und alle Opfer unschuldig waren. Die britische Justiz muss nun prüfen, ob gegen die damals jungen, nun über 60-jährigen Soldaten, Strafverfahren eröffnet werden müssen.

Cameron betonte aber, die Handlungen britischer Soldaten in Nordirland seien nicht durch den „Bloody Sunday“ allein bestimmt. Über tausend Soldaten hätten ihr Leben geopfert, um Demokratie und Gesetz in Nordirland zu schützen und die Voraussetzungen für friedliche Politik zu schaffen. „Es ist mir unwohl bei dem Gedanken, dass Soldaten wegen Mordes angeklagt werden könnten, während andere, die mit voller Absicht mordeten, nicht belangt oder sogar begnadigt wurden“, sagte der konservative Hinterbänkler Patrick Mercer, der als Soldat in Irland diente. Damit spielte er auf die Straffreiheit für IRA-Gewalttäter an, die Teil des Friedensprozesses war und die auch für schon verurteilte und inhaftierte Gewalttäter galt. Rund 60 Prozent der 3526 Opfer des Konfliktes gehen auf das Konto der IRA. Sinn-Fein-Sprecherin Martina Anderson sagte auf die Frage, ob der politische Arm der IRA Prozesse gegen Soldaten verlangen werde: „Uns geht es nur um die Wünsche der Familien.“

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