Politik : ...das Bier die Wahrheit sagt

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Bier – das ist so eine Art Wahrheitsdroge. Wer es trinkt, mag ein Saufsack sein, aber er ist gutherzig und taugt als Kumpel, er hat, wie Andrea Nahles von der SPD sagen würde, klare soziale Kante. Bier und Wein, das ist wie Linkspartei und Agenda 2010, und deshalb sind wir geneigt, im Bier mehr als nur den preisaktiven Rausch zu suchen – wir wollen in ihm die Wahrheit erkennen. Ein wichtiger Schritt auf diesem Weg wird jetzt am „Bundespressestrand“ vollzogen, wo man den Biertrinker vor eine gravierende Entscheidung stellt: Soll aus dem roten Schröder oder dem schwarzen Merkel-Hahn gezapft werden?

Ja, das ist ein neues Kapitel Wahlprognostik, ein Kanzlerbarometer. In England hat das mal funktioniert, mit drei Hähnen sogar; in Berlin wird man es so handhaben, dass jeder Gast, der „weiß nicht“ sagt oder sich einen Radler mixen lässt, dem Lager der unentschlossenen Wähler zugerechnet wird. Dennoch ist das Modell nicht konsequent zu Ende gedacht, denn aus beiden Hähnen läuft ja das gleiche Bier. Als Schlaglicht auf die programmatische Übereinstimmung beider Parteien mag das nicht einmal falsch sein, aber es verschenkt doch Chancen.

Der Merkel-Anhänger beispielsweise könnte seine Präferenz durch das Trinken eines zeitgemäß milden Hellen zeigen, eines so genannten „Mädchenbiers“, das das Prinzip „Erst bitter, dann süß“ verkörpert, also die finanzpolitische Strategie der CDU. Für Schröder dagegen käme eher ein herbes, aber nicht zu herbes Pilsner in Frage, kein Flens, eher was aus der Eifel – ein Bier, das für klare, aber ausgewogene Ansage steht. Westerwelle-Fans trinken kein Bier, denen würde man lauen Prosecco zapfen, wogegen die CSU … Ja, Herr Stoiber? Sie wollen 42 bis 45 Prozent? Da hilft wohl nur Doppelkorn, Obstler oder so was.

Berliner Weiße mit Schuss, ja richtig! Bedeutet mit grünem Sirup: Wahl abblasen, weitermachen. Rot dagegen: Ich bin für eine Linkskoalition mit Wowereit als Kanzler. Wer gleich Lafontaine pur will, kriegt nur roten Sirup. Das ist möglicherweise auch sicherer, denn die Schultheiss-Brauerei hat jetzt eine Rückrufaktion für etwa 50000 Flaschen Weiße gestartet, die wegen einer unkontrollierten Nachgärung explodieren können.

Es handelt sich, wir müssen es deutlich sagen, ausschließlich um die Variante mit Waldmeistergeschmack, die grüne mithin. Das Bier sagt uns nichts anderes als der Kanzler selbst: Wenn er so weitermacht, fliegt ihm alles um die Ohren. Das müsste an sich auch das Verfassungsgericht beeindrucken. bm

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