Politik : … das Fenster aus dem Rahmen fällt

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Bei Ebay ist dieser Tage das Fenster versteigert worden, durch das am 22. November 1963 Lee Harvey Oswald US-Präsident John F. Kennedy erschossen hat beziehungsweise erschossen haben soll, so restlos geklärt ist das ja immer noch nicht. Das Fenster soll dem Vernehmen nach noch ordentlich in Schuss sein, wenn man das in diesem Zusammenhang so formulieren darf – Rahmen, Griff, Scheiben, alles okay, wobei der gute Zustand des Teils sich wohl nicht entscheidend auf den Preis ausgewirkt hat. Der war horrend. Der Neubesitzer erhielt erst bei einer Summe von gut drei Millionen Dollar den Zuschlag, manchmal bekommt man dafür schon ganze Häuser, selbst in besseren Lagen.

Zugegeben: Das Fenster, durch das John F. Kennedy erschossen worden sein soll, ist ein besonders geschichtsträchtiges Fenster. Aber – gab es da nicht so einige? Philipp Scheidemann hat 1918 von einem Fenster im Reichstag die Republik ausgerufen. Willy Brandt musste mal ans Fenster, 1970, bei seinem Besuch in Erfurt, jubelnde DDR-Bürger wollten das so, was seinerzeit der Stasi überhaupt nicht gefiel. Ja, es gab den Prager Fenstersturz, wobei es genau genommen sogar deren drei gab, aber das würde hier zu weit führen. Der zweite Fenstersturz – am 23. Mai 1618 – gilt als Auslöser des Dreißigjährigen Krieges, und es ist nur ein geringer Trost, dass sämtliche drei damals aus dem Fenster geschmissenen Männer den Sturz aus 17 Meter Höhe überlebten, nicht etwa, weil sie härter im Nehmen gewesen wären als heutige Generationen, sondern weil sich unterhalb des Fensters, am Fuß der Prager Burg, ein Misthaufen befunden hat.

Im Zusammenhang mit dem Prager Fenstersturz ist bislang nicht bekannt geworden, dass ein findiger tschechischer Heimwerker das Ding ausgebaut und bei Ebay angeboten hätte. Gleiches gilt für die Fenster im Erfurter Hof und im Reichstag, wobei letzteres mittlerweile als besonders unwahrscheinlich gelten kann. Bundestagspräsident Norbert Lammert hat bestimmt noch die letzte Auktion im Gedächtnis, als sein Vorgänger Wolfgang Thierse mal eine Deutschlandfahne, die auf dem Reichstag geweht hatte, versteigern ließ. Die landete anschließend auf einem Puff in Halle.

Ob der Neubesitzer das millionenschwere Oswald/Kennedy-Fenster irgendwo einbaut, womöglich gar in einen Puff, ob er nur mal so durchguckt oder es in den Keller stellt, weil er im Rahmen seiner Möglichkeiten verhindern will, dass durch den Rahmen weiteres Unheil geschieht – das weiß man nicht. Einen Schuss aber hat er in jedem Fall. Vbn

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