Politik : ... das Prinzip Eutin in Kraft tritt

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Über das schöne Städtchen Eutin ließe sich sagen, dass es gewissermaßen ein Traumziel des guten deutschen Touristen ist. Von den Prollgewittern des Ballermanns ebenso weit entfernt wie von den Glitzerwelten der Cote d’ Azur, eignet sich dieser Ort als Nachweis für Bodenhaftung und Augenmaß: Wer dort entspannt, schnürt sich die Wanderstiefel noch selbst und meckert über eiskaltes Wasser im Badesee nicht beim Reiseveranstalter, sondern lässt sich davon zu höchsten Erholungsleistungen anspornen. Heute kehrt Horst Köhler, unser Bundespräsident, von dort zurück, um sich seinen Amtsgeschäften zu widmen, und wir müssen ihm lassen: Seine Aufforderung an die Deutschen, auf Feiertage und Urlaub zu verzichten, gewinnt durch diese zwei Wochen Eutin, die wir „Lifestyle“ niemals nennen würden, sehr an Überzeugungskraft. Der Mann könnte das halbe Ritz kaufen, gibt sich aber mit Matjes Hausfrauenart im Fissauer Fährhaus zufrieden. Einer von uns!

Er ist nun allerdings auch äußerst ungeduldig mit dem ihm anbefohlenen Land und mochte der Versuchung nicht widerstehen, sich vom Eutiner See aus zum Kündigungsschutz zu äußern, genauer: dessen weitgehende Abschaffung zu empfehlen. Der Meinung kann man sein, allerdings hat Köhler damit Eutin geistig doch ein Stück weit in Richtung Cote d’Azur verlassen. Denn unkündbarer als er selbst kann niemand sein, auf Lebenszeit versorgt mit Büroleiter, Dienstwagen und einem Ruhegehalt, das man fast schon Apanage nennen möchte. Da er dem deutschen Volk auch keineswegs das Recht einräumt, ihn bei Nichtgefallen zum nächsten Monatsende einfach rauszuschmeißen, wirkt der Vorschlag ein wenig... unsensibel? Sozial kalt?

Egal. Ab sofort müssen wir jederzeit mit Zwischenrufen des Bundespräsidenten rechnen, die ihn als eine Art AntiThierse erscheinen lassen, als Kreuzritter der wirtschaftlichen Vernunft im Kampf gegen die Verkrustungen, die Tarifautonomie und Gefühlssozialismus hinterlassen haben, Eutin gegen Prenzlauer Berg.

Es kann ab sofort jeden treffen. Versagen unsere Athleten in Athen: Köhler mahnt. Rückt Oskar von Saarbrücken gegen die pfälzische Grenze vor: Köhler kritisiert. Schiebt der DGB die Barrikaden zusammen: Köhler warnt. Immer werden wir wissen, wen er trifft, worüber er nachdenkt, was ihn ärgert. Und erst, wenn wirklich alles gesagt ist, wird er sich wieder zwei Wochen lang in den Urlaub zurückziehen, stets aufmerksam und mahnbereit. Wie wäre es beim nächsten Mal mit Ferien im Hartz? bm

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