Politik : ... das schwarze Loch Hessen erreichte

-

Der 9. November 89… Schon gut. Das Datum steht hier nur, um es vom 6. November 1989 abzuheben, an den sich heute kein Mensch mehr erinnert, obwohl er doch in seiner langfristigen Brisanz weitaus bedeutender sein dürfte. Denn Deutschland (Ost) und Deutschland (West) das hat sich irgendwann erledigt, spätestens mit dem Tode der letzten Zeitzeugen so gegen 2080. Mit den Folgen des Privatradios aber müssen sich unsere Nachfahren noch sehr viel länger herumschlagen. Am 6. November 1989 nämlich , heute vor 15 Jahren, erhielt Radio FFH, der erste private Radiosender in Hessen, seine Sendelizenz.

Die damalige Lage ist heute nur noch sehr schwer vorstellbar. Durch die Lüfte schwebte das Programm der öffentlich-rechtlichen Sender, wie es eben so war: ein wenig unnahbar, ein wenig anspruchsvoll, gute Musik, streng informative Berichte, furzdröge Kommentare, solche Sachen halt. Und unter „Quote" verstanden die Leute ausschließlich das, was am Ende beim Lottospielen herauskam: Was? Nur zehntausend Mark für sechs Richtige?

Ein unerträglicher Zustand. Das Privatradio war deshalb damals ein Gedanke, der zur Verwirklichung drängte wie die Titanic zum Eisberg; Vordenker in Hessen war Ministerpräsident Walter Wallmann, ein knallharter christdemokratischer Deregulierer. Man weiß heute nicht mehr ganz genau, was ihm damals vorschwebte. Hey, mag er gedacht haben, der Hessische Rundfunk ist und bleibt ein Sozi-Laden, also haue ich für die Zeitungsverleger einen neuen Sender raus, und dann ist Schicht mit dem ewigen Rumgemäkel an meiner 1-A-Qualitätspolitik.

Oder er war ein Visionär – dann könnte er sich gewünscht haben, dass endlich mal ein Radiosender Kohle an seine Hörer ausschüttet; das tat Radio FFH, indem es 1991 eine Lastwagenladung Kleingeld vor dem Haus eines Spielgewinners abkippen ließ.

FFH war ein Sender unter den ersten, das Fernsehen ist hinzugekommen, und heute gibt es werweißwieviele dieser Anstalten. Tausend? Zehntausend? Drei Millionen? Sie schwallen das Land zu, keiner weiß genau, wie sie im Kopf des Hörers wirken, dennoch wurden sie zum zentralen Topos der Kulturkritik, zu einem schwarzen Loch, das angeblich jeden intelligenten Gedanken verschluckt und, völlig denaturiert, als alten Holzmichl wieder ausscheidet.

Die deutschen Privatsender sind so eine Art George W. Bush: Von sämtlichen Meinungsführern verachtet, aber mit irrsinnig hohen Quoten immer wiedergewählt. Gut, dass sie nicht auch noch eigenmächtig Kriege führen. bm

» Gratis: Tagesspiegel + E-Magazin "Wahl 2017"

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben