Politik : … der Applaus die Seiten wechselt

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Die ultimative Handlungsanleitung für den heutigen Tag kommt von Kermit, dem Frosch: „Applaus! Applaus!“ Wer Beifall spendet, tut etwas für sein Wohlbefinden, er schüttet ein paar Glückshormone in seinem Körper aus, regt Kreislauf und Stoffwechsel an – und er erfreut vor allem denjenigen, dem der Applaus gilt.

Im Prinzip jedenfalls. In der Politik freilich sehen die Dinge etwas anders aus. Der Beifall ist hier eher eine Art Gruppenritual, und zwar ein nach außen gerichtetes. Er misst die Stärke von Parteitagsrednern – Stoiber elf, Merkel 13 Minuten – und zeigt dem gegnerischen Lager Kampfbereitschaft. Nur Erstklässler glauben, dass Bundestagsabgeordnete klatschen, wenn sie die Meinung des jeweiligen Redners richtig finden und belohnen wollen. Richtig ist: Abgeordnete klatschen, wenn einer aus dem eigenen Lager redet, und zwar auch dann, wenn sie ihn für einen Schwachkopf und seine Argumente für vollkommen idiotisch halten.

Das ist ein lange trainierter Reflex, ebenso, wie CSU-Mitglieder beim Erklingen des bayerischen Defiliermarschs aufstehen oder SPD-Funktionäre ein Bier bestellen, wenn sie Dixieland hören. Umgekehrt fürchtet jeder eingefleischte SPD-Abgeordnete, ihm könnte das Parteibuch verdorren, falls er der falschen Seite Beifall spendet, und diese falsche Seite hieß bisher: Angela Merkel. Nun, plötzlich, ist sie eine Art Chefin, und wer ihre Ausführungen nicht beklatscht, der wird von Peter Struck rund gemacht – man sah allerhand Angestrengtheiten nach der Regierungserklärung. Noch vor ein paar Wochen war es genau umgekehrt, schwer zu verstehen.

Demnächst wird sich Ulla Schmidt zur Gesundheitspolitik zu Wort melden. Bei der CDU könnte die Fraktionsführung aus diesem Anlass Zettel austeilen lassen mit der Anweisung „Klatschen!“, und doch würden wir christdemokratische Gesundheitsexperten sehen, wie sie sich in spastischen Zuckungen wenden, dringend aufs Klo müssen oder vorher vorn ein ärztliches Attest abgeben: „Der Abg. E. Dräcker hat sich den Beugemuskel des rechten Daumens gezerrt und ist deshalb nicht in der Lage, zu applaudieren.“

Doch es gibt durchaus Politiker, die das Problem sehr flexibel handhaben. Guido Westerwelle zum Beispiel hat am Mittwoch enthusiastisch geklatscht, als Gregor Gysi die Steuerpläne der Koalition in die Tonne trat. Da bahnen sich Kontakte an, für deren Farbkombinationen es noch nicht einmal einen Namen gibt: Spanien-Koalition? China-Fraktion?

Wir haben Zeit. Bisher erinnert das neue parlamentarische Treiben vor allem noch ein wenig an die Muppet-Show. bm

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