Politik : ... der Karpfen Klartext spricht

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Die letzte Warnung erfolgte am 28. Januar 2003 nördlich von New York. Der jüdische Inhaber eines Fischgeschäfts wollte einen Karpfen töten, doch dieser hob an und begann zu sprechen: „Tzaruch shemirah“ sagte er, und „Hasof bah“. Was hebräisch ist und so viel heißt wie „Legt Rechenschaft ab und tut Buße, weil das Ende naht“. Zwar nahte zunächst nur das Ende für diesen einen Karpfen – aber der Vorfall lässt die heute beginnende Internationale Karpfenkonferenz in Bautzen in neuem Licht erscheinen. Versteckt sich hinter der so sachlichen Tagesordnung („Vermarktung von Karpfen unter den Bedingungen der EU“) ein endzeitlicher Abgrund? Was wartet auf die Teilnehmer, wenn sie am Sonnabend am Pischzangteich zu Königswartha die Saison eröffnen?

Der Karpfen, Cyprinus carpio, ist ja auf den ersten Blick der Dieter Bohlen der deutschen Teichwirtschaft. Niemand mag ihn – Bäh, so modrig! Pfui, diese Gräten! Iiih, so fett! – und doch ist er unser wichtigster Zuchtfisch. Nie hat eines Menschen Ohr von einer Zandertagung gehört oder einem noch so winzigen Hechtsymposium, und gibt man bei Google „Forellenkonferenz“ ein, fragt das System nur pikiert zurück: „Meinten Sie Familienkonferenz?“ Nun aber Bautzen: Allein die Begrüßung der Teilnehmer durch Ministeriale und Verbandsvertreter dauert 45 Minuten.

Was steckt dahinter? Der Karpfen hat die Speisung der 5000 am See Genezareth ermöglicht, er ist mit Füllung eine wichtige Stütze der jüdischen Küche, aber auch in Bagdad lieben ihn die Muslime wie die Berliner den Döner. Stammt er aus den Peitzer Teichen, bildet er mit Spargel und RotkäppchenSekt die Dreieinigkeit der meistgeschätzten Ostprodukte, in Bier gedünstet schlägt er die Weihnachtsgans aus dem Feld, in Blau gehört er zu Silvester wie James und Miss Sophie. Ja, er gehorcht sogar einer Bibel, „Carp fever“, verfasst von Kevin Maddocks, den sie den Papst des Karpfenangelns nennen.

Cyprinus carpio ist also eine völkerverbindende Institution wie die UN, immer irgendwie hilflos nach Luft schnappend, aber doch von allen weitgehend anerkannt. Wir sollten seine Worte nicht geringer schätzen als jene Kofi Annans, und wenn er uns zur Buße auffordert, dann aber hallo! Mithin ist nicht auszuschließen, dass die Karpfen-Internationale die Bautzener Konferenz nutzt, um der Menschheit, dortselbst vertreten durch die Herren Dr.Große, Dr.Füllner und Dr.Stiehler nebst Mitarbeitern, in aller Form die Leviten zu lesen. Es wäre daher sicher nützlich, einen Simultan-Dolmetscher für die hebräische Sprache bereitzuhalten. bm

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